Archive for September 2009

Polt.

27. September 2009

Alfred KOMAREK: POLT. Kriminalroman.

Haymon Verlag 2009. ISBN 978-3-85218-604-7. EUR 17,90

www.haymonverlag.at

Komarek.Polt

Eigentlich hat er seinen Dienst schon vor Jahren quittiert, und eigentlich geht ihn die Polizei nichts mehr an, den gewesten Gendarmerieinspektor Simon Polt. Aber wie das Leben so spielt, stolpert er mit einem Freund bei Nacht und Nebel über einen Toten, so dass er gar nicht anders kann, als zu ermitteln – ohne Befugnis und mehr gedrängt als aus eigenem Antrieb.

Simon Polt ist wieder da, so wie Wolf Haas´s Brenner wieder da ist. Beide Herrn – längst in Ehren verabschiedet – wurden praktisch gleichzeitig aus dem Ausgedinge zurückgeordert. Vielleicht wurde eben so lange applaudiert, dass eine Draufgabe nicht zu vermeiden war. Und für beide Herren freuen wir uns.

Simon Polt zeigt sein Weinviertler Wiesbachtal verändert – die Abwanderung hat die Dörfer noch deutlicher ausgedünnt, die Autarkie ist noch mehr verloren gegangen, es gibt kaum mehr Infrastruktur. Polt ist zum Drittelwirten geworden, um gemeinsam mit Freunden noch irgendeine Restgastronomie aufrechtzuerhalten und arbeitet nebenbei in der längst unrentabel gewordenen Greißlerei Habersam. Das Rad hat sich im Wiesbachtal weitergedreht und Komarek hat das sehr genau beobachtet. Der Abgesang auf eine Region, die ihre traditionellen Strukturen weitgehend verloren hat, wird in einer Dichte und Stimmigkeit vorgetragen, die beklemmend ist.

Es kommt was Neues fürs Weinviertel, das wissen wir aus dem wirklichen Leben. Simon Polt wird nicht mehr dabei sein, vielleicht aber sein Nachwuchs, der – soviel darf ich schon verraten – demnächst das Licht der Welt erblicken wird. Mit Polt noch einmal in Weinviertler Abgründe zu schauen und die Gerechtigkeit auf gewohnt behäbige und weinreiche Art siegen zu lassen, hat sich allemal gelohnt.

Richard Edl

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Brünner Straße – Rezension

24. September 2009

Christian JOSTMANN unter Mitarbeit von Lukas FASORA (Text) und Ulrich WINKLER-HERMADEN (Bild): Die Brünner Straße. Eine Geschichte des Verkehrsweges von Wien nach Brünn in Bildern.

Edition Winkler-Hermaden 2009. ISBN 978-3-9502688-6-7 EUR 19,90

www.edition-wh.at

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Es ist DIE Transitroute durch das Weinviertel und es war die Straße, die dem Wein der Region einst den Namen gegeben hat: die Brünner Straße, Lebensader und Fluch zugleich. Jetzt, wo sie beinahe ausgedient hat – 2010 soll der erste Abschnitt der Nordautobahn eröffnet werden – ist ihr ein Buch gewidmet. An Hand von über 130 Altfotos und kundigen Bildtexten durchmessen wir die Straße, vom Wiener Spitz bis zur Videnska (Wiener Straße) in Brünn, und machen auf dem Weg viele Stationen, um all das zu erfahren, was das Leben an einem großen Verkehrsweg ausgemacht hat. Wir begegnen den Weinfuhrwerkern, die den Brünnerstrassler in die Stadt liefern, wir treffen Gütertransporte und Handelsreisende, Postkutschen und Soldaten, und wir lernen die Orte und ihre Bewohner kennen, die an und mit der Straße leben. So entsteht eine Kulturgeschichte vom 18. bis ins 21. Jahrhundert, die längst fällig war und die in Zusammenarbeit mit tschechischen Fachleuten ein stimmiges Bild einer wieder zusammengewachsenen Region ergeben. Der Verlag hat mit seiner ersten Weinviertel-spezifischen Publikation einen großen Wurf geschafft mit einem Thema, das quasi auf der Straße gelegen ist und bisher niemand aufgehoben hat.

Noch ein nachgereichter Hinweis: Die Chronik des Weinhauers Georg Anger aus Ketzelsdorf hätte noch mehr Lebensnähe zu den Soldaten – Einquartierungen entlang der Straße geliefert. Anger hat einen erschütternden Bericht über seine leidvollen Erfahrungen mit napoleonischen Soldaten im Jahre 1805 hinterlassen – (aufbewahrt im Weinviertler Museumsdorf).

Richard Edl