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Strasshof an der Nordbahn.

21. August 2012

Irene SUCHY: Strasshof an der Nordbahn.

Die NS-Geschichte eines Ortes und ihre Aufarbeitung.

Metroverlag, 2012

ISBN 978-3-99300-054-7

256 Seiten, Paperback

Preis: Euro 20.-

www.metroverlag.at

BildUm es vorwegzunehmen: das Buch ist sperrig. Es geht um die NS-Geschichte des Marchfeld-Ortes Strasshof an der Nordbahn und dabei nicht um ein lokalgeschichtliches Anliegen, sondern um eine Dimension, die erst allmählich erkennbar ist: Strasshof war im Nazi-Reich der achtgrößte Eisenbahnknotenpunkt mit einer Frequenz von über 4000 Zügen pro Tag und es gab sieben Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager im Gemeindegebiet. Strasshof war ein Ort, der das Schicksal hunderttausender Menschen berührte.

Irene Suchy nähert sich dem Thema mit wissenschaftlicher Akribie und mit der nötigen Vorsicht, die gerade bei der sehr dürftigen Quellenlage notwenig ist. Im Vorfeld wird von einer Arbeitsgruppe in Strasshof berichtet, der Forschungsstand wird referiert, es werden Zeitzeugeninterviews abgedruckt und eine aufschlußreiche Hintergrundinformation über die Entstehungsgeschichte des Ortes von Judith Eiblmayr geboten. Am beeindruckendsten erscheint eine „Menschenliste“, die in einer über 90-seitigen kleingedruckten Excel-Liste zehntausende von Opfern vermerkt. Je weiter man vordringt in der Lektüre, umso mehr beginnt  sich ein Bild der Geschichte zu formen, die tatsächlich verschüttet war. Es ist eine vieldimensionale Geschichte: die der Opfer und die der Täter, wobei manchmal keine klare Trennung zu machen ist. Die Komplexität des Geschehenen bildet sich in der Darstellung ab, worauf die eingangs befundene Sperrigkeit wohl beruht. Dazu kommt ein Bildmaterial, das kaum rezipierbar ist, weil in schlechter Druckqualität wiedergegeben und manchmal auch falsch plaziert.

Frau Suchy hat gut gearbeitet. Die Mühe der Lektüre steht auch für die LeserIn dafür, die mit dem Ort nicht viel verbindet. Es ist exemplarisch ausgearbeitet, was heute noch möglich ist: das Heranziehen der allerletzten Zeitzeugen, das gründliche Studium der Literatur und großes Engagement. Persönlich bin ich dankbar für Quellenmaterial zu meinem Heimatort Altlichtenwarth. Dem Buch sind viele LeserInnen zu wünschen.

ri-edl

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