Archive for Juni 2013

Kraftorte im Weinviertel.

24. Juni 2013

Gabriele Lukacs: Kraftorte im Weinviertel. Magische Kultplätze. Geomantische Geheimnisse. Mit Fotos von Gabriele Lukacs und Peter C. Huber. Pichler Verlag 2012.

ISBN: 978-3-85431-612-1

224 S., zahlreichen Farbabbildungen. Euro 24,99

www.styriabooks.at

Was sind „Kraftorte“? Gibt es tatsächlich Weinviertler „magische Kultplätze“? Und was muss man sich unter „geomantischen Geheimnissen“ vorstellen? Da wähnt man sichLukacsKraftorte16062013 schon sehr in der esoterischen Ecke, wo alles – wie im Fantasy-Film –  von wabernden Nebeln verschleiert wird, Schreckliches durch „Steinsetzungen“ gebannt und magische Energie durch „Mutung“ aufgespürt werden müssen. Es ist der Tummelplatz von Kelten und Templern.

Also vielleicht etwas reserviert an die Lektüre:

Frau Lukacs streift, stelle ich fest, sehr aufmerksam durch das Weinviertel und ortet tatsächlich eine ganze Menge besonderer Plätze, die mit viel Engagement erkundet und ausführlich beschrieben werden. Das ganze Viertel ist erfasst, und darüber hinaus einige Plätze im benachbarten Südmähren.  Von der „Rochuskapelle“ bei Mannersdorf an der March im Südosten bis zur Znaimer „Rotunde“ im Nordwesten geht die Reise. Wir werden mit sehr speziellem Blick durch das Land geleitet und entdecken dabei manches Unbekannte, z.B. den geheimnisvollen „Kugelberg“ in Großweikersdorf, die ganz besondere „Alte Kuh“ in Limberg oder den zeitgenössischen „Tausammler“ in Frättingsdorf.

Die Lektüre lohnt sich, auch für Nicht-Esoteriker. So manche historische und kunsthistorische Behauptung hält nicht ganz der Überprüfung stand, aber die Autorin und der Fotograf Peter C. Huber sorgen für einen nicht nur gefälligen, sondern auch informativen Mix aus Text, Bild und praktischer Information. Da wird dem Weinviertel durchaus eine neue Facette hinzugefügt.

ri-edl

Advertisements

Straßengeschichte(n).

24. Juni 2013

Stefan Eminger, Wolfgang Galler (Hg.): Straßengeschichte(n). Handelswege quer durch Europa und mitten durchs Weinviertel

Begleitbroschüre zur gleichnamigen Ausstellung im Schloss Wolkersdorf im Weinviertel (5. Mai 2013 bis 27. Oktober 2013)

Eigenverlag Stadtgemeinde Wolkersdorf im Weinviertel, 2013.

79 S., Euro 15.-

Stadtgemeinde Wolkersdorf, 2120 Wolkersdorf, Hauptstraße 28

Tel: 02245/2401-0  Fax: DW 49;  stadtamt@wolkersdorf.at

 

„Straßengeschichte(n) werfen einen unkonventionellen Blick auf die Geschichte des östlichen Weinviertels. … Straße verstehen wir dabei nicht nur als Fahrbahn, sondern auch als Kommunikationszone und Lebensraum. Unser Gegenstand sind die wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen im östlichen Weinviertel: die Bernsteinstraße, die Brünner Straße und die Schienenstraßen von Nordbahn (heute S1) und Ostbahn (heute S2).“

EmingerStraßengeschichten (1)

 

Die Einleitung verspricht den unkonventionellen Blick, der dann auch eingelöst wird. Er wird nämlich von zwei in professioneller und persönlicher Hinsicht absolut zuständigen Fachleuten geworfen: Stefan Eminger, Weinviertler und Historiker mit Schwerpunkt Zeitgeschichte und Wolfgang Galler, Weinviertler und Historiker mit explizitem regionalem Schwerpunkt und Erfahrung als Kurator. („Unser täglich Brot“ siehe im blog)

Sieben Kapitel hat die Ausstellung, sieben Kapitel finden sich demnach in der Broschüre. Wobei die Bezeichnung Broschüre der Publikation nicht gerecht wird. Es werden nicht die Exponate gelistet und die Saalgliederung abgeschildert. Hier wird Geschichte erzählt, und zwar in einer bis dahin kaum erreichten Qualität: mit zeitgemäßem Zugang, professionell recherchiert und professionell dargestellt.

Kapitel 1 läßt den Archäologen zu Wort kommen: Gottfried Artner hat mit seinem Team die projektierte Trasse der Nordautobahn archäologisch untersucht und stellt vor, was von der Urgeschichte bis zum abgekommenen mittelalterlichen Dorf zu finden war.

Kapitel 2 macht die Bernsteinstraße zum Thema.

Kapitel 3 widmet sich dem Straßenbau und der Straßenerhaltung ab dem 18. Jahrhundert.

Kapitel 4 mit dem Titel „Menschen auf der Straße – Menschen an der Straße“ erzählt von den Weinfuhrwerkern, den Marktfahrern, den Soldaten, den Flüchtlingen, den Vertriebenen, den Nachbarn, etc.  Da ist manches nach wie vor brisant, wie uns die gerade vorgestellte Doku „NEMCI VEN! Deutsche raus!“ über den Brünner Todesmarsch im Jahre 1945 ganz aktuell vor Augen führt http://www.simonwieland.com/.  Dieses Thema ist bis heute politisch nicht gelöst und drückt als Hypothek auf die Beziehungen zum Nachbarn.

Kapitel 5 berichtet über die Infrastruktur links und rechts der Straße: vom Beginn der Beschilderung über die Einkehrgasthöfe bis zu Großtankstelle und Wirtschaftspark.

Kapitel 6 hat die Eisenbahn zum Thema

Kapitel 7 bringt das Zeitalter des Automobils und dessen Triumphzug durch das 20. Jahrhundert bis zur Nordautbahn.

Auch wer die Ausstellung im Schloß Wolkersdorf (Prädikat: sehenswert!) nicht schafft, hat mit dem Büchlein ein Qualitätsdruckwerk verfügbar, das nur nachdrücklich empfohlen werden kann.

ri-edl

Josef Krickl. Walzerkönig.

18. Juni 2013

Michael Staribacher: Josef Krickl. Der Walzerkönig des Weinviertels. Verlag Günther Hofer 2013.

ISBN 978-3-902111-48-7

84 S. mit zahlreichen Abbildungen. Euro 12.-

www.druckhofer.at

Michael Staribacher, bekannter Dialektlexikon-Verfasser (im blog nachzulesen), hat sich an die Biographie seines Urgroßonkels gemacht: StaribacherKrickl16062013Josef Krickl (1870-1953)  ist als Komponist Weinviertler Kirtags- und Tanzmusik allemal wert, dem  Vergessen entrissen zu werden. Wie viele Kapellmeister im Weinviertel ist er bei der k.u.k Militärmusik geschult worden und bringt die Militär- und Wiener Salonmusik um die Strauss-Familie und Josef Lanner ins Weinviertel. Gerade im Weinviertel ist diese Tradition in der Blasmusik bis heute nicht abgerissen. Einerseits wird Spurensuche betrieben, wobei auch eine Menge an Fotos und Kriegspost aus dem 1. Weltkrieg aufgetrieben werden kann. Damit wird der Kirtagsmusiker, der mit der „Capelle Krickl“ landauf, landab unterwegs ist und als zweites Standbein eine kleine Landwirtschaft in Stronsdorf betreibt, sehr plastisch und einfühlsam vorgestellt. Zum anderen wird auch ein Werkverzeichnis präsentiert, das 155 Stücke auflistet und damit versucht, das Oeuvre des Komponisten zu erfassen, von dem es heißt, dass es doppelt so groß gewesen sein soll. Immerhin ist damit ein Fundament geschaffen. Die Mundartleidenschaft des Verfassers ist nicht zu verheimlichen, wenn der Oeuvre-Katalog analog zum „Deutsch- Verzeichnis“ (Schubert) oder „Köchel-Verzeichnis“ (Mozart) hier „Krickl-Stickl-Verzeichnis“ (kurz „KSV“) genannt wird. Nach dem Schriftsteller Michael Krickl (im blog nachzulesen und nicht verwandt) ist Josef in kurzer Zeit der zweite Weinviertler Krickl, der dem  Vergessen entrissen wurde.

ri-edl

Unser täglich Brot.

18. Juni 2013

Wolfgang Galler: Unser täglich Brot. Von Bäckern, Müllern und Bauern im Weinviertel. Mit traditionellen Brotgerichten von Manfred Buchinger. Edition Winkler-Hermaden, 2013.

ISBN 978-3-9503378-6-0

126 S. mit über 100 Fotografien.  Euro 19,90

www.edition-wh.at

Entgegen dem Untertitel berichtet Wolfgang Galler von Bauern, Müllern und Bäckern und nicht umgekehrt,  was eine sehr sinnvolle Abfolge GallerUnserTäglichBrot26052013darstellt. Als Historiker mit persönlicher Beziehung zur Regionalgeschichte und großer volkskundlicher Neigung, stellt uns der Autor einen gelungenen Mix aus Bilderbuch, Familiengeschichten, Sagenhaftem und fundierter Sachkenntnis zum Thema Brot vor. Da sind es der Bauer, der das Korn liefert, der Müller, der es vermahlt und schließlich der Bäcker, der uns das Brot auf den Tisch liefert, deren Geschichte im Weinviertel nachgezeichnet wird.

Galler musste aufwändig recherchieren. Dabei hat er nicht nur Facts zusammengetragen, sondern auch ein umfangreiches Bildmaterial, vorwiegend aus privaten Fotoschachteln. Gerade die Bebilderung bietet eine zweite Ebene, die durch die sorgfältig recherchierten Bildtexte eine Metageschichte erzählt. Es werden Müller- und Bäckerdynastien vorgestellt, die über Generationen die Region geprägt haben. Manche Sprosse sind berühmt geworden wie Schauspieler Oskar Sima, Bäckerssohn aus Hohenau, oder Vizekanzler Hermann Withalm, Müllerssohn aus Gaweinsthal. Die Lektüre ist unterhaltsam und abwechlungsreich, geeignet, sich eine Leserschaft weit über das Fachpublikum hinaus zu erschließen.

Manfred Buchinger, Haubenkoch in Riedenthal, hat ein paar Brotrezepte beigesteuert und lädt zum Nachkochen ein. Die niederösterreichische Landesausstellung 2013 „Brot und Wein“ hat das Thema zum Jahresregenten gemacht, eine Fokusierung, die dem Buch hoffentlich zu Gute kommt. Und die Edition Winkler – Hermaden hat ihrem Weinviertel – Schwerpunkt einen attraktiven Titel hinzugefügt.

ri-edl