Archive for Juli 2013

Das Weinviertel. Mehr als Idylle.

23. Juli 2013

Das Weinviertel. Mehr als Idylle.

Herausgeber: Volkskultur Niederösterreich GmbH, Redaktion: Mella Waldstein Fotos: Manfred Horvath

Verlag Bibliothek der Provinz, 2013

ISBN 978-3-99028-200-7

304 S., zahlreiche Farbabbildungen.  Euro 34.-

www.bibliothekderprovinz.at

WeinviertelMehrIdylle040713

So wie in den letzten Jahren das Wald- und Industrieviertel, wird nun auch das Weinviertel von der Volkskultur Niederösterreich in einem gefälligen Bildband vorgestellt: laut Umschlagtext eine Liebeserklärung an die Landschaft und eine Präsentation seiner Kulturgeschichte.

In knapp dreißig Kapiteln wird jeweils über einige Seiten Weinviertel-Spezifisches behandelt. Die Themenauswahl zeigt viele Heimatbuchstandards wie Texte über bäuerliche Kultur, Volksbräuche und Volksmusik. Der Bogen spannt sich aber viel weiter und wird auch modernen Bedürfnissen gerecht. Der Leser wird über den Verkehrsweg Brünnerstraße zur zeitgeistigen Kunst im öffentlichen Raum geführt, auf  Spuren von Dichtern und Komponisten, zu Bauforschung und immer wieder zur  Geschichte, nämlich von Ölbohrung, Schlachtfeldern, Pest und Vertreibung, von König Ottokar zu den Falkensteiner Habanern und zum Einmarsch der Roten Armee.

Die Autoren sind durchwegs kompetent, die Texte gut leserlich und informativ und die Fotos meist passend, repräsentativ und stimmungsvoll.

Zwar bin ich zunächst erschrocken, als gleich neben der Überschrift des ersten Kapitels Weinviertler Dorf das Foto einer jungen Dame im Dirndl prangt. Ich fürchtete schon, dass gleich einer Gelsenplage das Buch von Dirndldamen verseucht ist, wo doch vor der Nazizeit kein Weinviertler Mensch ein Dirndl getragen hat. Das wirkt schon etwas volkstümlich verordnet, im Gegensatz zur tradtionellen Männertracht des Kalmukjankers, die regionaltypisch und auf vielen historischen Fotos zu finden ist.

Das Weinviertel als kulturhistorische Region wird zunehmend wahrgenommen, die Bevölkerung wird selbstbewusster. Noch vor zwanzig Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass der Gewinner einer Comedy-Talenteshow im ORF zur Hauptabend-Sendezeit – nach seiner Herkunft gefragt – sich als Weinviertler bezeichnet!

Rätselhaft wie Kellergassen und Erdställe bleibt der Untertitel des Buches „Mehr als Idylle“. Denn wenn mehr als Idylle gesucht wird, dann muss es ja zuerst eine Idylle gegeben haben. Und die gibt’s zwischen Brünnerstraße, Einfamilienhaus-„Siedlungen“ und Landflucht nach Wien wahrscheinlich genausowenig wie anderswo.

Helga Dieberger

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Na ja … und andere Weinviertler Seufzer.

7. Juli 2013

Martin Neid: Na ja … und andere Weinviertler Seufzer.

Neue Geschichten von Hintaus. Mit Zeichnungen von Friedrich Scheck und Fotografien des Autors.

Edition Winkler-Hermaden, 2013.

ISBN 978-3-9503378-8-4

128 S., Euro 14,95

www.edition-wh.at

Dem vorliegenden Buch mit dem Untertitel „Neue Geschichten von Hintaus“ ist im Jahre 2007  „Alles vorbei? Geschichten von Hintaus“ NeidNaja.28062013vorangegangen. „Alles vorbei?“ hat immerhin vier Auflagen erlebt, was eine besondere Resonanz signalisiert.

Die „Neuen Geschichten von Hintaus“ unterscheiden sich nur unwesentlich vom Vorgänger. Und das ist als Kompliment gemeint. Martin Neid ist sich treu geblieben und liefert in bewährter Form neue Variationen. Um das zu erläutern, darf ich meine Besprechung von 2008 zitieren, die in der Zeitschrift „museumsdorf“ (Weinviertler Museumsdorf Niedersulz, Ausgabe 1/2008) erschienen ist:

„Ich habe sehr gelacht bei den Geschichten von Martin Neid, dem Rechtsanwalt mit menschlichem Antlitz aus Obersdorf bei Wolkersdorf. Er legt uns sein Credo dar, das aus drei Haupt-Ingredienzien besteht: Weinviertel in der besonderen Ausprägung Obersdorf; Fußball mit besonderer Leidenschaft für die Vienna und der Beruf mit einem besonderen Hang zum Hinterfragen desselben. Wenn es ums Weinviertel geht, ist er weniger lustig als nachdenklich-melancholisch. Was er uns in den Geschichten vermittelt, ist seine Sehnsucht nach dem Dorf der Kindheit, das so unentrinnbar verschwunden ist. Und dabei macht er das pfiffig und liebenswürdig, sodass nie ein schwülstiges „früher war alles besser“ aufkommt.“

Martin Neid, nicht nur Schreiber, sondern auch begnadeter Vorleser und Nestroy-Interpret, bringt die Dorf-Identität mit seinen Anekdoten unverwechselbar auf den Punkt. Was für viele Weinviertler prägend gewesen ist, wird auf unterhaltsame Weise für den Rest der Welt vermittelbar.

Passenderweise sind die Geschichten, nicht zuletzt auch die aus des Autors Berufsalltag, im „Hintaus“ angesiedelt, jenem Weinviertler Spezifikum, das zunehmend vom realen zum mystischen Ort mutiert. Das titelgebende „Na ja“, das in seiner philosophischen Breite meisterlich ergründet wird, ist quasi das Code-Wort zu diesem merkwürdigen Ort. Diverse „Hintaus-Feste“, alle bestens besucht,  haben seine Faszination eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Die Edition Winkler-Hermaden hat seinem Weinviertel-Sortiment einen weiteren Mosaikstein von besonderer Strahlkraft hinzugefügt.

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