Verschwundene Kinos

Karl und Martin ZELLHOFER: Verschwundene Kinos im Weinviertel

120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles

Edition Winkler-Hermaden, 2019

ISBN 978-3-9504720-4-2   EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/


Die größte Zeit der Kinos, wie ich jetzt gelernt habe, war das Jahr 1958: In Österreich gab es in diesem Jahr 122 Millionen Kinobesuche! Somit bin ich zu jung, das große Kinogehen miterlebt zu haben, allerdings Phänomene wie harte enge Holzsitze, Rauchen während der Vorstellung, Pause im Film wegen Reißen der Filmrollen, Sportgummi und Tutti Frutti am Kinobuffet sind mir aus den 1970er Jahren schon noch gut in Erinnerung. Und, ehrlich gesagt, ich hänge diesen ersten Kinoerinnerungen nicht besonders nostalgisch nach, denn es hat gestunken, war unbequem und ein bisschen unheimlich. Und nicht nur die Verliebten kamen sich in der Dunkelheit näher, auch so mancher unerwünschte Übergriff kam vor. Kein Wunder also, dass der Fernseher dem Kino Konkurrenz gemacht hat.

Jedenfalls zog das Vorführen von Filmen, der großen neuen Kunst- und Unterhaltungsform des 20. Jahrhunderts, die Menschen magnetisch an. Nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den Dörfern und ländlichen Kleinstädten entstanden Vorführmöglichkeiten: Erst Zelte für Wanderkinos um 1900, dann rasch fixe Kinos, entweder angeschlossen an Wirtshäuser oder als eigene Gebäude. Das Zielpublikum war eher jung, die Umgehung von Altersbeschränkungen und Empfehlungen des Pfarrers war von jeher Tradition.

Karl und Martin Zellhofer, schon erfahren im Aufspüren verschwindender Weinviertler Alltagsgeschichte, machten sich auf die Suche nach den zahlreichen fast vergessenen Weinviertler Kinos. Sie fotografierten deren übrig gebliebene Fassaden, fanden manche alte Fotos der Kinos aus besseren Tagen und erhielten auch immer wieder Einlass in die alten Kinosäle. Reste von Filmrollen, Kinokarten, Plakate, Schaukästen und Filmvorführgeräten tauchten auf.

Besonders wichtig sind die Interviews mit Zeitzeugen: Mit Erinnerungen von Filmvorführern, Kinobetreibern und Gästen lässt sich das Bild der vergangenen Zeit am besten dokumentieren! Es ergeben sich Geschichten vom ersehnten Blick in die weite Welt, denn „im Dorf war ja sonst nichts los“, von erbettelten Kinokarten, Gratiseintritten nach Mithelfen, Gendarmeriekontrollen der Altersbeschränkung oder sogar vom Mitspielen der Dorfbevölkerung als Komparsen in einem Sexfilm – wobei man gar nicht gewusst hätte, dass es ein Sexfilm werden sollte.

Die meisten noch erhaltenen Kinogebäude sind ruinös und werden in den nächsten Jahren verschwinden. Es ist gerade noch Zeit, die Erinnerung an dieses Stück dörflicher und kleinstädtischer Freizeitgeschichte durch gute Dokumentation zu bewahren.

Dazu ist dieses Buch ein gelungener Schritt!

HD


Weiteres von Karl und Martin Zellhofer:

Verschwundenes Marchfeld.

Verschwundenes Weinviertel.

Über den Weinviertler Semmering.

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