Hintaus bei den Stadeln

Richard Edl (Hg.): Hintaus bei den Stadeln. Die unbekannte Seite des Weinviertels

120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Edition Winkler-Hermaden, 2019

ISBN 978-3-9504720-3-5   EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/


Das Weinviertel ist bekannt für seine Kellergassen und seine schmuckvollen Dorfstraßen, in denen sich Bauernhof um Bauernhof aneinanderreiht. Weniger zugänglich und daher weniger beachtet sind die Schätze des „Hintaus“, der Hinterseite der Dorfzeilen, allen voran die Stadeln. Diese unbekannte Seite des Weinviertels einem breiten Publikum zu präsentieren ist das Anliegen des von Richard Edl herausgegebenen Sammelbandes „Hintaus bei den Stadeln“. Die Beiträge reichen von handwerklichen über volkskundliche und botanische Ausführungen. Man erfährt von Konstruktions- und Nutzungsweisen diverser Bautypen (besonderes Augenmerk liegt auf dem für das Weinviertel charakteristischen Längsstadel, der fast nur in dieser Region zu finden ist) und wird in den sprachlichen Kosmos und in die Romantik der Hintausgassen eingeführt. Dazwischen finden sich beeindruckende Bildstrecken, die unmittelbare Eindrücke über die Vielfalt der Scheunenbauten liefern und LeserInnen ermutigen, sogleich selbst auf Erkundungstour zu gehen.

Der Band basiert auf dem im Rahmen der „Stadelakademie“ zusammengetragenen und vermittelten Wissen. Die Initiatoren Michael Staribacher, Johannes Rieder und Richard Edl bemühen sich seit 2013 mit dem Ausbildungslehrgang, Bewusstsein um die Bedeutung dieses Weinviertler Kulturguts zu schaffen und zu verbreiten. Denn diese oft nüchtern anmutenden Bauten sind wertvolle Relikte vorindustrieller ländlicher Lebensrealitäten, in denen sie wirtschaftliche und soziale Zentren darstellten. Es sind Erinnerungsorte, die gerade außerhalb musealer Zusammenhänge einer Erzählung bedürfen. Was die Erinnerungskultur betrifft, so sind Erfahrungsberichte von ZeitzeugInnen einzubeziehen, um eine plumpe Romantisierung früherer Lebensweisen zu vermeiden (wie der Historiker Wolfgang Galler in seinem Text richtig anmerkt). Dem wird im Sammelband insofern Rechnung getragen, als ein historischer Bericht über das „Tenntreten“ direkten Einblick in ehemalige Nutzungsweisen des Stadels gibt. Außerdem werden Zeitungsmeldungen abgedruckt, die düstere Seiten des bäuerlichen Alltags, Scheunenbrände und Selbstmorde, dokumentieren.

Das Buch richtet aber nicht nur vielseitige Blicke in die Vergangenheit. Auch wird der Frage nach zukünftigen Potentialen dieser ursprünglich landwirtschaftlich funktionalen Scheunenbauten nachgegangen. Wie lassen sich die Gebäude für heutige Bedürfnisse umfunktionieren und verwenden? Viele Vorzeigeprojekte zeitgenössischer Nutzung – vom Künstleratelier und Musikantenstadel bis zur Jausenstation – verdeutlichen die mannigfaltigen Potentiale.

Gerade das gegenwärtige Leben der WeinviertlerInnen mit ihren Stadeln könnte der Band aber noch ausführlicher behandeln. Was verbindet die BesitzerInnen mit den Gebäuden? Welches Wissen besteht noch, welche Geschichten können erzählt werden? Wie sieht das Innenleben, die Nutzung der Stadeln aus? Solche weiterführenden Fragen möchte „Hintaus bei den Stadeln“ wohl auch hervorlocken. Vor allem aber leistet es Pionierarbeit für einen in den letzten Jahrzehnten von Volkskunde und Geschichtswissenschaften vernachlässigten Bereich. Es gibt Anreize für historische Alltagsforschung, Bauforschung oder Sachkulturforschung. Es zeigt – für Laien ebenso wie für eingeweihte LeserInnen aufschlussreich – welch komplexe Konstruktionsleistungen und individuelle Ausgestaltungen sich in den Stadeln wiederfinden.

Dem Buch gelingt es, einen zu Unrecht lange Zeit ignorierten Gegenstand spannend und differenziert aufzubereiten. Und es stellt klar: Die Zukunft der Stadeln liegt ähnlich wie bei den Kellergassen in Neuinterpretationen, in alternativen Nutzungsweisen. Wie die Kellergassen sind auch die Stadelzeilen ein Alleinstellungsmerkmal der Region, Zeugen der Vergangenheit mit unikalem Charme und Charakter. Dieses Buch leistet einen wichtigen Beitrag, vielleicht eine Initialzündung für die Wiederentdeckung der Weinviertler Stadeln.

Thassilo Hazod


Wortspende zu „Hintaus bei den Stadeln“ von Verena Joos

Das Wort „Hintaus“ wird man vergeblich im Duden suchen. Es ist eine Spezialität des Weinviertels. Eine Richtungsangabe – und mehr. Es bezeichnet einen Ort. Der findet sich diametral entgegengesetzt dem Wohnhaus, dessen Fassade Teil des dörflichen Schönheitswettbewerbs ist. Hinter dem Wohnhaus liegt der Garten oder Hof, von da geht es zu den Stadeln, den Repräsentanten des „Hintaus“. Diesen vielerorts verfallenden Bauten widmet der von Richard Edl herausgegebene Band „Hintaus bei den Stadeln – Die unbekannte Seite des Weinviertels“ ein Prachtgebinde aus Liebeserklärungen in Wort und Bild. Zusammen mit acht weiteren Autoren erforscht er die Geheimnisse dieser verborgenen Welt. Da werden diverse Bauweisen der bäuerlichen Denkmäler erläutert, im Fokus der Aufmerksamkeit steht der Längsstadel, jene architektonische Spezialität, die fast nur im Weinviertel aufzufinden ist (Edl). Da wird die Kunst der Stadel-Zimmerer ins rechte Licht gestellt (Bettina Withalm). Die ursprüngliche Funktion der Stadeln im Dienst der Landwirtschaft erläutert Wolfgang Galler, Spekulationen über ihre Zukunft wagt Johannes Wieder. Der Hintaus-Flora und ihrer Küchentauglichkeit widmet sich Petra Regner-Haindl, ein Glossar im Wandel der Jahreszeiten hat Michael Staribacher erstellt, Thomas Hofmann präsentiert mit Hilfe alter Zeitungsausschnitte die Katastrophen, denen die luftigen Konstrukte ausgesetzt waren, Martin Neid hält ein flammendes Plädoyer für die Erhaltung dieses gefährdeten Paradieses. Samt und sonders Texte, in denen know how und Leidenschaft eine geglückte Synthese eingegangen sind. Schön zu lesen. Zusammen mit den hinreißenden Fotos von Wolfgang Krammer, ergänzt durch historische Aufnahmen, ist dieses Buch  eine Einladung, sich dieser vom Versinken bedrohten Kultur zu widmen, welche man nicht ausschlagen sollte. Es muss nicht immer – oder nicht nur – die Kellergasse sein!

Rezension von Helga Maria Wolf

Eine weitere Rezension des Buches von Helga Maria Wolf finden Sie auf der Website des Austria Forums der TU Graz.

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