Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Schlacht & Schicksal

26. Oktober 2020

Wolfgang GALLER (Redaktion): Schlacht & Schicksal. 1278 – Jedenspeigen im Brennpunkt Mitteleuropas

Begleitpublikation zur Dauerausstellung im Schloss Jedenspeigen

Broschur, 36 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Eigenverlag Marktgemeinde Jedenspeigen, 2020

Erhältlich im Schloss Jedenspeigen und am Gemeindeamt Jedenspeigen

Euro 10.- (excl. Porto)

Bestellmöglickkeit:                                                                                                          Martkgemeinde Jedenspeigen                                                                                                             Bahnstraße 2, 2264 Jedenspeigen, Tel: 02536/8224                            gemeinde@jedenspeigen.gv.at


2019 wurde im Schloss Jedenspeigen im Rahmen eines EU-Projektes eine neue Dokumentation über die denkwürdige Schlacht von 1278 gestaltet. In dieser Schlacht, die auf dem Feld zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen geschlagen wurde, kämpfte Rudolf von Habsburg gegen den Böhmenkönig Ottokar II. Přemysl um das Erbe der österreichischen Babenberger. Ottokar unterlag und verlor in der Schlacht sein Leben. Damit nahm die über 600 Jahre – bis 1918 – währende Habsburgerherrschaft in Österreich ihren Anfang.

Die Ausstellung zeichnet geschickt die politische Lage der Zeit nach. In Mitteleuropa rangen der Böhmenkönig, das Deutsche Reich und Ungarn um die noch nicht festgelegten Einflußsphären. Tatsächlich hatten die Spannungen nach dem Aussterben der Babenberger mehr und mehr zugenommen und die Lage spitzte sich zu, als die deutschen Fürsten den Schwaben Rudolf von Habsburg zum Deutschen König wählten. Rudolf und Ottokar beanspruchten das Babenbergische Erbe.

Die Dokumention stellt uns die handelnden Personen und ihren HIntergrund vor. Aufgezeigt wird die wichtige Rolle der Ungarn, die auf Rudolfs Seite kämpften und wesentlichen Anteil am Ausgang der Schlacht hatten. Wir erleben, geführt vom kundigen Team der Ausstellungsmacher Günter Fuhrmann und Wolfgang Galler, den schicksalshaften 26. August 1278 von der Truppenaufstellung am frühen Morgen über den Schlachtverlauf bis zum Tod des Böhmenkönigs.

In den letzten Räumen erfahren wir vom Nachleben des Ereignisses, in der Musik, in der bildenden Kunst, in der Literatur. Die Deutungen sind je nach Standpunkt ganz unterschiedlich. Der Tscheche Alfons Mucha zeigt in seinem Bilderzyklus „Slawisches Epos“ einen verklärten Ottokar, während Grillparzer in seinem Stück „König Ottokars Glück und Ende“ einen edlen Rudolf zeichnet, der den bösen Böhmenkönig niederringt.

Die Ausstellung arbeitet in thematisch angelegten Räumen mit Schautafeln, die sich durch knappen Text und gut gewähltes Bildmaterial auszeichnen, sodass das Risiko zu ermüden gering bleibt und wir den Höhepunkt „Schlacht“ gut vorbereitet und mit Spannung erleben können. Dem gewichtigen Titel „Schlacht & Schicksal“, eine an Richard Wagner erinnernde Alliteration, trägt die Ausstellung ohne großes Pathos Rechnung.

Noch zwei Anmerkungen: Zur Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, die tatsächlich viel Pathos in sich trägt und zahlreich als Bildmaterial verwendet wird, fehlt der kritische Kommentar, der diese Werke in ihren Zeitkontext stellt. Und: Die digital animierte Rekonstruktion der Schlacht auf einer überdimensionalen Projektionswand ist eine eindrucksvolle Installation, allerdings, wie offenbar eine Schlacht so ist, eher unübersichtlich.

Das Schloss bietet nach der geschlagenen Schlacht eine erholsame Vinothek, in der es nicht nur Jedenspeigner, sondern auch slowakische Weine zu verkosten gibt. Das ist auch die Gelegenheit, die gut gemachte Begleitpublikation, die in verdichteter Form die Ausstellungstexte versammelt, durchzublättern.

RE

Bildstöcke Wegkreuze Kapellen

30. September 2020

Ferdinand ALTMANN: Bildstöcke Wegkreuze Kapellen und andere Markierungen der Landschaften im Weinviertel

Hardcover, 156 Seiten

ca. 380 Bilder von 270 Objekten

Eigenverlag Kulturbund Weinviertel, 2020

ISBN 978-3-200-07066-0   EURO 25.-

Kulturbund Weinviertel , Museumsgasse 4, 2130 Mistelbach

office@kulturbundwv.at    mobil  0676/4877395


Der Altmeister der Weinviertler Kulturszene legt ein sehr schönes Buch vor. Er zeigt uns die Fülle an Kleindenkmälern, die das Weinviertel landauf landab markiert. Mit seinen 270 meist selbst fotografisch dokumentierten Objekten liefert er ein anschauliches Extrakt der wohl schönsten Wegzeichen. Es gibt nicht nur Fotos, es gibt durchaus auch Recherche, die manchen Hintergrund zu den meist kaum in den Quellen fassbaren Zeichen liefert. Die frühesten Objekte stammen aus dem Mittelalter, manchmal datiert, manchmal auch mit dem Namen eines Stifters versehen und oft mit einer schönen Geschichte verbunden. Die Bilder werden mit Text und Lyrik grafisch verdichtet und nehmen uns mit  auf eine unterhaltsame Reise.

Nicht immer scheint alles belegbar, was uns erzählt wird. Die Fülle an Zuordnungen als Pestdenkmal oder Platz eines Pestfriedhofes erstaunt den unbedarften Leser, weil die Quelle zu den Angaben kaum geliefert wird. Auch die Vequickung von Kuruzzen und Türken, die manchmal austauschbar als Hintergrund für ein Denkmal herangezogen werden, nimmt literarischen Charakter an. Dafür baut er geschickt passende Lyrik der Größen Weinviertler Heimatdichtung ein und liefert damit den unverwechselbaren Altmann-Mix, der zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Er hat als Urgestein der Weinviertel – Erweckung seit den 1980er Jahren mit einer Reihe bahnbrechender Publikationen ganz entscheidenden Anteil gehabt, dass die Region aus ihrem Dornröschenschlaf gerüttelt wurde. Bis heute gibt er „seine“ Kulturnachrichten aus dem Weinviertel heraus, die in ebenso unverwechselbarer Weise eine Mischung aus Fotoheft, Heimatgeschichte, Kunstgeschehen und Literarischem in schöner Regelmäßigkeit eine unverzichtbare Weinviertel – Melange ins Haus liefern.

Ferdinand hat wohl jahrzehntelang an der Stoffsammlung gearbeitet und es ist ihm zu danken, dass er uns auf kompakte Weise die merkwürdigen Zeichen in der Landschaft näherbringt.

Bei weiterem Interesse an Kleindenkmälern sei unter anderem auf die Homepages www.kleindenkmal.at und www.marterl.at sowie auf das Buch „Antennen zwischen Himmel und Erde“ verwiesen.

RE

111 Orte || Lieblingsplätze Weinviertel

6. September 2020

Günther PFEIFER, Gerhard HOHLSTEIN, Franziska WOHLMANN-PFEIFER: 111 Orte im Weinviertel, die man gesehen haben muss

Mit zahlreichen Fotografien

Broschur, 240 Seiten

Emons Verlag, 2020

ISBN 978-3-7408-0843-3   EURO 17,50

https://www.emons-verlag.com/programm/111-orte-im-weinviertel-die-man-gesehen-haben-muss


Gabriele DIENSTL: Lieblingsplätze Weinviertel. Zauberhafte Ausflugsziele. Genüsslich schlemmen. Freizeitspaß für Familien

88 farbige Abbildungen

Paperback, 192 Seiten

Gmeiner Verlag, 2020

ISBN 978-3-8392-2545-5   Buch EURO 17.50 / E-book EURO 12.99

https://www.gmeiner-verlag.de/buecher/titel/lieblingsplaetze-weinviertel.html


Seit Beginn der Ausflugssaison prangen in der Auslage einer Weinviertler Buchhandlung zwei Neuerscheinungen, die es wert sind, verglichen zu werden:

111 Orte im Weinviertel, die man gesehen haben muss und Lieblingsplätze Weinviertel.

In durchaus zeitgemäßem, You-Tube-artigem Konzept werden 111 bzw. 88 bemerkenswerte Weinviertler Orte beschrieben. Eine Seite zeigt ein repräsentatives Foto, die Seite daneben enthält den Text mit Beschreibung der Örtlichkeit und einer kleine Geschichte dazu, ergänzt durch Adresse, Öffnungszeiten, Beschreibung der Anreise mit PKW (111 Orte) und eventuell zusätzliche Tipps. Also anklicken, pardon aufschlagen, Bild anschauen, kurze Information einholen, Lust auf Hinfahren bekommen und nächste Seite aufschlagen. Beide Bücher enthalten einen schönen Übersichtsplan der Ausflugsziele, die 111 Orte auch eine alphabetische Ordnung der Ziele, was die Orientierung erleichtert.

Braucht man zwei so ähnliche Bücher? Wo liegt der Unterschied, abgesehen von Buchumschlag in hauptsächlich gelbem (111 Orte) und blauem (Lieblingsplätze) Layout, das sich gemeinsam zu den niederösterreichischen Landesfarben ergänzt, als ob es die Idee einer findigen Werbeagentur im Auftrag der Niederösterreich-Touristik gewesen wäre?

Die 111 Orte bezeichnen sich als Original, was noch nicht viel heißt, Original ist noch kein Qualitätskriterium. Die Autorengemeinschaft, der jedenfalls viel Ortskenntnis und Recherchearbeit bescheinigt werden kann, widmen ihr Buch nach eigener Angabe vor allem jenen Menschen, die durch eigenes Engagement zur Entstehung eines bemerkenswerten Orts beigetragen haben und wollen Geschichten erzählen, die noch nicht alle gehört haben.

Die Autorin der Lieblingsplätze, ebenfalls mit viel Ortskenntnis ausgestattet, erklärt ihr Konzept bereits im Titel.

Etwa 30 Orte überschneiden sich, werden in beiden Büchern gleich oder sehr ähnlich beschrieben. Es verbleiben immerhin 81 bzw. 58, die es lohnen, beide Bücher zu erwerben, um noch mehr über das Weinviertel zu erfahren.

Wenn sie/er nur eines haben möchte, welches der beiden sollte sich die/der Weinviertel-Interessierte nun kaufen? Für Weinviertel-Anfänger*innen wären wohl die Lieblingsorte der bessere Start, werden hier doch eher die Klassiker der Weinvierteltouristik beschrieben, zum Beispiel das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz, Asparn an der Zaya, Poysdorf, Stetten, Retz, das klassische Eggenburg und das Tafeln im Weinviertel. Vielleicht liegt der Schwerpunkt ein bisschen mehr im östlichen Weinviertel. Die 111 Orte lassen manche Klassiker mutig weg – auch wenn man sie unbedingt gesehen haben sollte – und widmen sich unbekannteren Zielen und/oder Kuriositäten, zum Beispiel dem Skiparadies von Oberfellabrunn, dem Krautvogel von Oberstockstall, der alten Kuh von Limberg oder dem schiefen Turm von Waitzendorf. Sie sind also eher die Empfehlung für die Fortgeschrittenen. Vielleicht liegt der Schwerpunkt mehr im westlichen Weinviertel.

Die Gastronomie kommt erfreulicherweise in keinem der beiden Bücher zu kurz, möchte man doch bei einem schönen Ausflug auch die leiblichen Genüsse nicht missen.

Was man wirklich noch bräuchte, wäre ein noch zeitgeistigeres drittes Buch, das dabei hilft, all die schönen Ziele auch zu erreichen, wenn man nicht mit dem Auto unterwegs sein will.

HD

Kulturlandschaft der Kellergassen

6. September 2020

Gerold Eßer (Hrsg.): Kulturlandschaft der Kellergassen. Erforschung – Schutz – Erhaltung

Efalin Band in Fadenheftung, 304 Seiten

Verlag Berger, 2020

ISBN 978-3-85028-923-8   EURO 45.-

https://www.verlag-berger.at/detailview?no=2827


Um es vorweg zu nehmen: Es ist nicht nur physisch, sondern auch inhaltlich ein gewichtiges Werk. Auf über 300 Seiten wird die Kulturlandschaft der Kellergassen abgehandelt. Die fachkundige Herausgeberschaft hat der Kunsthistoriker und Baudenkmalforscher Gerold Eßer übernommen. Er ist Referent für Baudenkmalpflege beim Bundesdenkmalamt und – ganz wichtig für unser Thema – begeisterter Neo-Weinviertler.

Das Buch ist die Frucht des Symposiums „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“, das im Oktober 2018 in Poysdorf stattgefunden hat. Mit Beiträgen von 29 Autor*innen wird die Erforschung, der Schutz und die Erhaltung der Kellergassen zum Thema gemacht.  Ziel ist die In-Wert-Setzung eines bisher zu wenig geachteten Kulturerbes. Im Weinviertel prägen über 1000 Kellergassen mit einem Bestand von fast 40.000 Weinkellern das Gesicht der Region, ein weltweit einzigartiger Schatz.

Eßer fasst den Forschungstand zum Thema zusammen, sowohl wissenschaftlich als auch künstlerisch. Akribisch wurde nach Quellen aller Art Ausschau gehalten und aus früheren Zeiten eher dürfige, seit den späten 1970er Jahren ergiebigere Funde gemacht. Bahnbrechend für das Thema waren die Arbeiten von Johann Kräftner über die „Naive Architektur in Niederösterreich“ und das berühmte Buch „Kultur der Kellergasse“ des Kulturbundes Weinviertel aus den frühen 1980er Jahren. In der Folge ist ein langsames Erwachen feststellbar, was die Wahrnehmung des Phänomens Kellergasse betrifft, wobei es noch fast zwei Jahrzehnte dauern sollte, bis eine breitere Rezeption erfolgte und damit auch eine kulturtouristische Nutzung einzusetzen begann.

Unter dem Kapitel Erforschung und Erschließung findet sich das Pilotprojekt des Symposiums, nämlich die exemplarische bauhistorische und sozialgeschichtliche Untersuchung zweier typischer Kellergassen, nämlich der „Alten Geringen“ in Ketzelsdorf (Gemeinde Poysdorf) und der „Loamgstettn“ in Ameis (Gemeinde Staatz). Schwärmen ist nicht die angemessene Haltung eines Rezensenten, aber diese Arbeit finde ich, pardon, sensationell. Erstmals wurde interdisziplinär eine Kellergasse nicht nur bauhistorisch mit einer verformungsgetreuen Vermessung durch ein professionelles Team und gründlicher bautechnischer Analyen erfasst. Es wurden mit gründlichen Quellenstudien das Alter der Anlagen zumindest in Annäherung festgestellt und die Besitzerstruktur mit den daraus ableitbaren Erkenntnissen zu den Anteilen der Dorfgesellschaft an der Weinwirtschaft analysiert. Eine überraschende Erkenntnis ist wohl, dass Kleinhäusler, also Menschen mit geringem Besitz, zu einem hohen Anteil und auch Inwohner – Peronen ohne ein eigenes Haus – Keller besaßen. Die Untersuchung ist ein Pilot in einem bislang weitgehend unbekannten Kontinent.

Im Kapitel „Schutz und Steuerung“ werden Strategien zur Erhaltung überlegt, die deshalb schwierig ist, weil die Keller und Preßhäuser im Zuge der Modernisierung der Weinwirtschaft ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Das Kapitel „Erhaltung und Weiterentwicklung“ führt das Thema fort. Andreas Breuss etwa stellt Interventionen moderner Architekten im historischen  Ensemble einer  Kellergasse vor. Nicht jedes Ergebnis erscheint überzeugend, aber der Zugang ist zukunftsweisend. Die Fachleute für Lehmbau geben wichtige Hinweise für den materialgerechten Umgang mit traditionellen Baustoff Lehm, aus dem viele Preßhäuser errichtet sind.

„Nutzung und Vermittlung“, das abschließende Kapitel dieses breiten Panoramas, zeigt die Ansätze der Kulturtouristik, die sich im besten Sinne um die Vermarktung kümmert und damit auch den Besitzern Argumente liefert, warum die Kellergassen erhalten bleiben sollen. Einen wesentlichen Beitrag zur In-Wert-Setzung  leisten dabei die „Kellergassenführer*innen“ als  Kulturvermittler*innen vor Ort. Der Lehrgang für diese Ausbildung – mit mittlerweile über 600 Absolvent*innen –  wird von der Agrarplus Akademie angeboten, die nicht nur Wissen über Kellergassen, sondern unter anderem auch über Weinviertler Stadel vermittelt. https://akademie.agrarplus.at/home.html

Begleitet werden die Texte von ausgezeichnetem Bildmaterial. Hervorzuheben sind die Luftbildaufnahmen, die eine Gesamtansicht der Anlagen aus der Vogelperspektive zeigen , wie sie bisher kaum zu sehen waren. Eine gründliche Bibliographie rundet den Band ab, die benutzerfreundlich nach Erscheinungsjahr gegliedert ist.

Dem Engagement der Kellergassen-Aktivist*innen ist zuzutrauen, dass sie eines Tages mit der In-Wert-Setzung das große Ziel erreichen, nämlich die Anerkennung als UNESCO Weltkulturerbe. Damit hätte die“ Kulturlandschaft der Kellergassen“ die ganzen Welt erobert.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Bundesdenkmalamt in der „Österreichischen Zeitschrift für Kunst- und Denkmalpflege“ (ÖZKD), der hauseigenen Fachzeitschrift, im Vorfeld einen Tagungsband des Symposiums in Poysdorf vom Oktober 2018 herausgebracht hat, der die Fachbeiträge versammelt, die dann in das oben besprochene Buch eingeflossen sind.

RE


Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege LXXIII . 2019 . Heft 3/4

Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel. Symposion in Poysdorf vom 26. bis 28. Oktober 2018

Mit Beiträgen von Gerold Eßer, Johann Kräftner, Andreas Schmidbaur, Oliver Fries / Lisa-Maria Gerstenbauer / Ronald Kurt Salzer, Stefan Linsinger / Lukas Sint, Heinz Wiesbauer, Thomas Schauppenlehner, Nott Caviezel, Paul Mahringer, Martina Scherz, Sibylla Zech, Astrid Huber / Johannes Weissenbach, Hubert Feiglstorfer / Roland Meingast / Franz Ottner, Alexander Jirout / Gabriele Jirout, Andreas Breuss, Manfred Breindl, Johannes Rieder, Johannes Pleil

Softcover, 216 Seiten

Verlag Berger, 2020

ISSN 0029-9626   EURO 20.-

https://www.verlag-berger.at/detailview?no=2824

Hagen-Gesellschaft.

5. Juli 2020

René EDENHOFER: Hagen-Gesellschaft. Mitbegründer der Wiener Künstlervereinigungen Secession und Hagenbund

Softcover, 80 Seiten, zahlreiche Abbildungen

Eigenverlag René Edenhofer, Deutsch Wagram, 2020

ISBN 978-3-9504428-1-6

Anfragen: http://www.reneedenhofer.at/


René Edenhofer, der bisher als Erforscher, Ausstellungsgestalter und Publizist für die Themen Steingut / Keramik / Porzellan mit Schwerpunkt Deutsch-Wagram und Wilhelmsburg (Lilienporzellan, Daisy) hervorgetreten ist, überrascht mit einer Arbeit über die Wiener Künstlerszene um 1900 – ein Thema, von dem man annahm, schon alles darüber gelesen, gesehen und erfahren zu haben. Im Zentrum steht die ‚Hagen-Gesellschaft’, eine im Umfeld des Künstlerhauses um 1880 entstandene lose Künstlervereinigung, die einen wesentlichen Beitrag zur Gründung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs ‚Secession‘ (1897) und des ‚Künstlerbund Hagen‘ (1900) leistete. Edenhofer weist nach, dass neben diesen beiden erfolgreichen Künstlergruppen auch die Hagen-Gesellschaft noch weiter Bestand hatte: ein Zeitungsartikel über ihr 50-Jahrjubiläum aus dem Jahr 1931 inspirierte den Autor zu einer Expedition durch einschlägige Archive wie das der Albertina oder jenes im Kupferstichkabinett der Akademie der Bildenden Künste. Einmal mehr erwies sich auch ANNO, das historische online-Zeitungsarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, als unschätzbarer Fundus für Nachforschungen. 

Das Gesamtergebnis ist eine im Eigenverlag herausgegebene Broschüre, die Fakten und Geschichten über die Wiener Künstlerschaft inklusive des Architektenclubs durch reichhaltige Bebilderung und Mittel wie Struktogramm oder tabellarische Gegenüberstellung gut und zum Teil auch höchst vergnüglich lesbar darbietet. Wie genau und detailliert Edenhofer recherchiert, belegt z.B. die Darstellung der Gründungsphase des ‚Künstlerbunds Hagen’ mit ihren Protagonisten und Turbulenzen.

Namensgebend für beide Gruppierungen war übrigens Josef Ha(a)gen, künstleraffiner Inhaber der Gastwirtschaft zum ‚Blauen Freihaus‘ in der Gumpendorfer Straße 9. Neben dem Cafe Sperl dürfte das Lokal die künstlerische Kreativität seiner Stammgästen wohl mindestens so stark gefördert haben wie die drei großen Kunstanstalten der Umgebung.

Manfred Pregartbauer


Mehr von René Edenhofer:

Gmundner Keramik. Schleiss Keramik. Markenführer 1866–2017

Militaria auf Keramik

Uhrblätter der Wilhelmsburger Steingut-Fabrik

Daisy. Liebling der Massen

Wilhelmsburger Steingut

Schloss Hof. Archäologie – Geschichte – Wiederherstellung

4. Juni 2020

Nikolaus Hofer und Franz Sauer (Hg.): SCHLOSS HOF. Archäologie – Geschichte – Wiederherstellung

Mit Beiträgen von Walter Blasi, Günther Kvapil, Franz Sauer, Tamara Scheer und Werner Sellinger

Archäologie aktuell Band 3

120 Seiten, Softcover, zahlreiche Abbildungen

Verlag Ferdinand Berger & Söhne, 2019

ISSN 2523-2061 EURO 17.90

Als E-Book

ISBN 978-3-85028-878-1 Download-Artikel EURO 12.-

http://www.verlag-berger.at


Es ist eine Erfolgsgeschichte, die hier verhandelt wird. Das Prinz-Eugen-Schloss Hof, an der March gelegen, mit Sichtkontakt zu Bratislava/Pressburg, war in den 1980er Jahren in ruinösem Zustand, an dem auch die erfolgreiche Landesausstellung 1986 zum 250. Todestag des Prinzen nichts zu ändern schien. Ein Anlauf in den 1990er Jahren startete mit einer gartenarchäologischen Grabung, einer Premiere in Österreich. Die Fragestellung war, ob für die Wiederherstellung des berühmten, mittlerweile völlig verwilderten Barockgartens genug Information zu gewinnen wäre. Der Pilot war erfolgreich. Auf Grund der sensationellen Ergebnisse war deutlich, dass der Garten tatsächlich rekonstruierbar war. Herausgeber Sauer war damals Grabungsleiter und bringt sehr anschaulich seine persönlichen Erfahrungen in die Darstellung ein.

Zu der Wissenschaft und den engagierten lokalen Betreibern gesellte sich endlich die Politik, die sich bereit erklärte, viel Geld in die Hand zu nehmen. Ab dem Beginn der 2000er Jahre wurden Garten und Gebäude schrittweise in Stand gesetzt. Seit 2019 erstrahlt mit der Rekonstruktion der letzten von sieben Gartenterassen einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Barockgärten wieder in seiner ganzen Pracht. Damit ist ein Gesamtkunstwerk auferstanden, das heute hunderttausende Besucher*innen pro Jahr anlockt (www.schlosshof.at).

Die Herausgeber versprechen eine genussvolle und amüsante Lektüre, die Geschichte wird kurzweilig erzählt. Wir werden mitgenommen auf die Reise durch die Vorgeschichte bis zum Ankauf durch den Prinzen. Dann folgt die gewaltige Umgestaltung in Rekordtempo durch die besten Künstler ihrer Zeit. Der Prinz konnte nur für kurze Zeit – knapp zwei Jahre – seinen Landsitz genießen. In der Folge gelangte das Schloss an Maria Theresia, die ihm einen zweiten Höhepunkt bescherte. Im 19. Jahrhundert verlor es seine Bedeutung und wurde einer militärischen Nutzung zugeführt, die bis in die 1950er Jahre andauerte. Zurück blieb ein abgenutzter Torso, der ausgeräumt und verwahrlost vor sich hindämmerte.

Franz Sauer liefert den historischen Hintergrund. Wir erfahren von einem der Vorbesitzer, an dessen Grabstein kein Sterbedatum zu finden ist, über die Kuruzzenschanze mit Lücken und den Goldenen Schnitt als wichtiges Mass für Garten und Schloss. Walter Blasi und Tamara Scheer legen kenntnisreich die „Kasernenzeit“ des Prunkbaus dar, Günther Kvapil als technischer Leiter schildert die baulichen Instandsetzungsarbeiten und der Gartengestalter Werner Sellinger berichtet von der praktischen Seite der Gartenrekonstruktion.

Dazu gesellt sich eine reichliche und anschauliche Bebilderung, die den Anspruch von „genussvoll und amüsant“ bekräftigt. Mit Archäologie aktuell haben die Herausgeber eine Reihe ins Leben gerufen, die noch einiges Spannendes erwarten lässt. Grafiker und Verlag bieten eine professionelle Umsetzung und die Ausgabe als e-Book unterstreicht den zeitgemäßen Ansatz.

RE

Kellergasse Alte Geringen. Kellergasse Loamgstettn.

19. April 2020

Projektgruppe „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“ (Hg.): Kellergasse Alte Geringen (KG Ketzelsdorf)

Bild-Text-Band anlässlich des EU Kulturerbejahrs 2018, Projektleiter DI Dr. Gerold Eßer

56 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Mit Unterstützung von Bund, Ländern und Europäischer Union, 2019

Für die Zusammenstellung verantwortlich: Johannes Rieder

www.poysdorf.at

www.kellerakademie.at


Projektgruppe „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“ (Hg.): Kellergasse Loamgstettn (KG Ameis)

Bild-Text-Band anlässlich des EU Kulturerbejahrs 2018, Projektleiter DI Dr. Gerold Eßer

56 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Mit Unterstüzung von Bund, Ländern und Europäischer Union, 2019

Für die Zusammenstellung verantwortlich: Johann Öfferl und Sebastian Steyrer

www.staatz.at

www.ameis.at

www.dorfwiazhaus.ameis.at


Es ist ein Versuch über zwei Kellergassen, der hier in zwei Heften vorgelegt wird: jeweils eine Monographie über die Kellergasse „Alte Geringen“ in Ketzelsdorf (Stadtgemeinde Poysdorf) und eine über die Kellergasse „Loamgstettn“ in Ameis (Marktgemeinde Staatz). Ein einschlägiges Symposion, nämlich „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“, das im Rahmen des „Europäischen Kulturerbejahrs 2018“ in Poysdorf stattgefunden hat, lieferte die Grundlagen.

Von Seiten der Gemeinden und von Seiten der Experten wurde eine bunte Mischung zusammengetragen, die die beiden mittlerweile berühmten Kellergassen von unterschiedlichen Zugängen her untersucht.

Das Team Fries, Salzer und Gerstenbauer liefert für beide Anlagen eine bauhistorische Untersuchung, die auch geschichtliche Quellen einbezieht. Sie vermessen beide Anlagen und analysieren alte Pläne. Sie fragen, wann die Keller und wann die damit verbundenen Presshäuser entstanden sind. Sie ermitteln frühere Besitzer und deren Stellung im Dorf. Das Ergebnis bringt viel Neues über die dörfliche Wirtschaft und Sozialstruktur, ein Zugang, der bisher kaum beschritten wurde.

Amüsante Zeittafeln mit Geschichtssplittern über 700 Jahre, Kellergassenpoesie, ein Bericht einer Zeitzeugin über die Kriegshandlungen 1945, die Nutzung als Veranstaltungsort und die zunehmende Wertschätzung durch Weinviertel Tourist*innen sind Teil des Themenbogens. Dabei kommen viele Engagierte aus den Gemeinden zu Wort, entsprechend der Absicht der Herausgeber, die Kommunikation zwischen den Fachleuten und den Besitzer*innen und örtlichen Nutzer*innen intensiv zu unterstützen. Wein und seine Vermarktung, Heuriger, „Tafeln im Weinviertel“, Oldtimer-Traktorfahrten und Kellergassenführungen sind der zeitgemäße Umgang mit einem Erbe, das die wirtschaftliche Bedeutung für die Weinbaubetriebe verloren hat.

An der Bebilderung ist nicht gespart worden. Schöne Fotos mit hohem ästhetischem Anspruch, historisches Bildmaterial und attraktive Grafik machen die Hefte zu einem gefälligen Mix aus ernsthafter Forschung und touristischem Appetitanreger.

RE

Straße und Handel – Siedlung und Herrschaft.

6. April 2020

Wolfgang GALLER: Straße und Handel – Siedlung und Herrschaft. Der Grenzraum zwischen Niederösterreich, Mähren und der Slowakei von der Mitte des 2. Jh.n.Chr. bis zur Mitte des 11. Jh.n.Chr. am Beispiel der Handels- und Verkehrswege

Softcover, 280 Seiten, zahlreiche Abbildungen

Driesch Verlag o.J. (2019)

ISBN 978-3-902787-51-4   EURO 44.-

http://www.drieschverlag.org/

Auslieferung Buchhandlung Sterzinger, Wolkersdorf www.bookseller.at


Es ist schon ein großer Wurf, den Wolfgang Galler der Leserschaft bietet. Hervorgegangen ist das Buch aus seiner Dissertation am Institut für Österreichische Geschichtsforschung. Die Themenstellung ist nichts weniger als die Geschichte des östlichen Weinviertels und der angrenzenden Regionen aufzuarbeiten, über den unfassbaren Zeitraum von 900 Jahren. Es geht um das Wegenetz, das kreuz und quer das Gebiet durchzogen hat, und dessen Bedeutung für die Siedlungen und den Handel von der Römerzeit ab dem 2. Jahrhundert bis zum Beginn der Babenbergerzeit im 11. Jahrhundert. An wesentlichen geografischen Fixpunkten sind Donau und March die Vorgaben, an denen sich die Verkehrswege zu orientieren haben. Dazu gesellen sich Straßen im Nord-Südverlauf, wie die Bernsteinstraße entlang der March, die Nikolsburger Straße als Vorläuferin der Brünnerstraße und die Klippenzugstraße, die über Korneuburg Richtung Laa an der Thaya führt. Straßen im West-Ostverlauf waren etwa der Staatzer Weg über Gaubitsch und Großkrut Richtung March, die Ungarstraße über Korneuburg und Pillichsdorf Richtung March und der Nördliche Donauweg von Stockerau, Korneuburg an der Donau entlang Richtung Preßburg, um die wichtigsten zu nennen.

Soweit das Grundgerüst, auf dem sich die Akteure über den langen Zeitraum bewegten. Galler zeichnet die Geschichte durch die Jahrhunderte und Epochen mit einem interdisziplinären Zugang nach, an Hand von archäologischen Funden, schriftlichen Quellen, Ortsnamendeutung und genauer Kenntnis des Untersuchungsgebietes. Er macht sich die Mühe, Truppenbewegungen oder kaiserliche Reisetätigkeit anhand von physisch möglichen Tagesetappen und Lokalisierung durch schriftliche Quellen geografisch zu rekonstruieren. Dieses Verfahren gestattet dem Leser, der Leserin in seiner Genauigkeit eine manchmal tagesaktuelle Nachvollziehbarkeit. Damit macht die Darstellung auch der Nichtfachfrau, dem Nichtfachmann eine Zeit begreifbar, die in unserem historischen Verständnis gemeinhin weitgehend ausgeklammert ist. Nach den Römern folgen nach undurchschaubaren Wirren in der landläufigen Geschichtswahrnehmung die Babenberger, so zumindest das gängige Klischee. Gallers Verdienst ist es, die unbekannten 900 Jahre in das Bewusstsein einer breiten interessierten Leserschaft zurückzubringen. Wir treffen auf Langobarden, Awaren, Slawen, auf das Großmährische Reich, auf Franken, Baiern, Ungarn und die deutschen Kaiser. Mit der langfristigen Konsolidierung der Grenzverhältnisse durch die Babenberger endet die Untersuchung.

Galler hat mit der minutiösen Erforschung des Wegenetzes etwas Grundlegendes geschafft. Er hat einer Zeitspanne, in die sich bis heute viel Spekulatives und Sagenhaftes mischt, ein klar erkennbares Gesicht gegeben und der Region ein solides Fundament ihrer historischen Wurzeln. Diese bestehen aus einem komplexen Geflecht aus Wechselwirkung, Beeinflussung und Vermischung. Mit der Erstnennung Österreichs in der Ostarrichi-Urkunde von 976 wird die Geburtsstunde unserer Geschichte suggeriert. Die Mächtigkeit der Vorgeschichte ist aber bis heute wirksam und es ist notwendig, sie in unser Selbstverständnis zu integrieren, wie der Autor anschaulich vor Augen führt.

Die hervorragende Aufmachung des Buches ist einem privaten Sponsor, dem Verkehrsunternehmen Gschwindl, Wien 21, zu verdanken. Der Driesch Verlag hat für qualitätsvolle Umsetzung gesorgt.

RE


Mehr von Wolfgang Galler:

KELLER.KULTUR.ERBE (mit Günter Fuhrmann)

Die Liechtenstein

Die Geschichte der Ulrichskirchner Müllerzunft

Das alte Wolkersdorf im Weinviertel

Jüdisches Niederösterreich (mit Christof Habres)

Straßengeschichte(n) (mit Stefan Eminger)

Unser täglich Brot

Weinviertel Kochbuch (mit Manfred Buchinger)

Mit Beiträgen von Wolfgang Galler:

Hintaus bei den Stadeln

Lebensbilder Pillichsdorf

Hintaus bei den Stadeln

23. Februar 2020

Richard Edl (Hg.): Hintaus bei den Stadeln. Die unbekannte Seite des Weinviertels

120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Edition Winkler-Hermaden, 2019

ISBN 978-3-9504720-3-5   EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/


Das Weinviertel ist bekannt für seine Kellergassen und seine schmuckvollen Dorfstraßen, in denen sich Bauernhof um Bauernhof aneinanderreiht. Weniger zugänglich und daher weniger beachtet sind die Schätze des „Hintaus“, der Hinterseite der Dorfzeilen, allen voran die Stadeln. Diese unbekannte Seite des Weinviertels einem breiten Publikum zu präsentieren ist das Anliegen des von Richard Edl herausgegebenen Sammelbandes „Hintaus bei den Stadeln“. Die Beiträge reichen von handwerklichen über volkskundliche und botanische Ausführungen. Man erfährt von Konstruktions- und Nutzungsweisen diverser Bautypen (besonderes Augenmerk liegt auf dem für das Weinviertel charakteristischen Längsstadel, der fast nur in dieser Region zu finden ist) und wird in den sprachlichen Kosmos und in die Romantik der Hintausgassen eingeführt. Dazwischen finden sich beeindruckende Bildstrecken, die unmittelbare Eindrücke über die Vielfalt der Scheunenbauten liefern und LeserInnen ermutigen, sogleich selbst auf Erkundungstour zu gehen.

Der Band basiert auf dem im Rahmen der „Stadelakademie“ zusammengetragenen und vermittelten Wissen. Die Initiatoren Michael Staribacher, Johannes Rieder und Richard Edl bemühen sich seit 2013 mit dem Ausbildungslehrgang, Bewusstsein um die Bedeutung dieses Weinviertler Kulturguts zu schaffen und zu verbreiten. Denn diese oft nüchtern anmutenden Bauten sind wertvolle Relikte vorindustrieller ländlicher Lebensrealitäten, in denen sie wirtschaftliche und soziale Zentren darstellten. Es sind Erinnerungsorte, die gerade außerhalb musealer Zusammenhänge einer Erzählung bedürfen. Was die Erinnerungskultur betrifft, so sind Erfahrungsberichte von ZeitzeugInnen einzubeziehen, um eine plumpe Romantisierung früherer Lebensweisen zu vermeiden (wie der Historiker Wolfgang Galler in seinem Text richtig anmerkt). Dem wird im Sammelband insofern Rechnung getragen, als ein historischer Bericht über das „Tenntreten“ direkten Einblick in ehemalige Nutzungsweisen des Stadels gibt. Außerdem werden Zeitungsmeldungen abgedruckt, die düstere Seiten des bäuerlichen Alltags, Scheunenbrände und Selbstmorde, dokumentieren.

Das Buch richtet aber nicht nur vielseitige Blicke in die Vergangenheit. Auch wird der Frage nach zukünftigen Potentialen dieser ursprünglich landwirtschaftlich funktionalen Scheunenbauten nachgegangen. Wie lassen sich die Gebäude für heutige Bedürfnisse umfunktionieren und verwenden? Viele Vorzeigeprojekte zeitgenössischer Nutzung – vom Künstleratelier und Musikantenstadel bis zur Jausenstation – verdeutlichen die mannigfaltigen Potentiale.

Gerade das gegenwärtige Leben der WeinviertlerInnen mit ihren Stadeln könnte der Band aber noch ausführlicher behandeln. Was verbindet die BesitzerInnen mit den Gebäuden? Welches Wissen besteht noch, welche Geschichten können erzählt werden? Wie sieht das Innenleben, die Nutzung der Stadeln aus? Solche weiterführenden Fragen möchte „Hintaus bei den Stadeln“ wohl auch hervorlocken. Vor allem aber leistet es Pionierarbeit für einen in den letzten Jahrzehnten von Volkskunde und Geschichtswissenschaften vernachlässigten Bereich. Es gibt Anreize für historische Alltagsforschung, Bauforschung oder Sachkulturforschung. Es zeigt – für Laien ebenso wie für eingeweihte LeserInnen aufschlussreich – welch komplexe Konstruktionsleistungen und individuelle Ausgestaltungen sich in den Stadeln wiederfinden.

Dem Buch gelingt es, einen zu Unrecht lange Zeit ignorierten Gegenstand spannend und differenziert aufzubereiten. Und es stellt klar: Die Zukunft der Stadeln liegt ähnlich wie bei den Kellergassen in Neuinterpretationen, in alternativen Nutzungsweisen. Wie die Kellergassen sind auch die Stadelzeilen ein Alleinstellungsmerkmal der Region, Zeugen der Vergangenheit mit unikalem Charme und Charakter. Dieses Buch leistet einen wichtigen Beitrag, vielleicht eine Initialzündung für die Wiederentdeckung der Weinviertler Stadeln.

Thassilo Hazod


Wortspende zu „Hintaus bei den Stadeln“ von Verena Joos

Das Wort „Hintaus“ wird man vergeblich im Duden suchen. Es ist eine Spezialität des Weinviertels. Eine Richtungsangabe – und mehr. Es bezeichnet einen Ort. Der findet sich diametral entgegengesetzt dem Wohnhaus, dessen Fassade Teil des dörflichen Schönheitswettbewerbs ist. Hinter dem Wohnhaus liegt der Garten oder Hof, von da geht es zu den Stadeln, den Repräsentanten des „Hintaus“. Diesen vielerorts verfallenden Bauten widmet der von Richard Edl herausgegebene Band „Hintaus bei den Stadeln – Die unbekannte Seite des Weinviertels“ ein Prachtgebinde aus Liebeserklärungen in Wort und Bild. Zusammen mit acht weiteren Autoren erforscht er die Geheimnisse dieser verborgenen Welt. Da werden diverse Bauweisen der bäuerlichen Denkmäler erläutert, im Fokus der Aufmerksamkeit steht der Längsstadel, jene architektonische Spezialität, die fast nur im Weinviertel aufzufinden ist (Edl). Da wird die Kunst der Stadel-Zimmerer ins rechte Licht gestellt (Bettina Withalm). Die ursprüngliche Funktion der Stadeln im Dienst der Landwirtschaft erläutert Wolfgang Galler, Spekulationen über ihre Zukunft wagt Johannes Wieder. Der Hintaus-Flora und ihrer Küchentauglichkeit widmet sich Petra Regner-Haindl, ein Glossar im Wandel der Jahreszeiten hat Michael Staribacher erstellt, Thomas Hofmann präsentiert mit Hilfe alter Zeitungsausschnitte die Katastrophen, denen die luftigen Konstrukte ausgesetzt waren, Martin Neid hält ein flammendes Plädoyer für die Erhaltung dieses gefährdeten Paradieses. Samt und sonders Texte, in denen know how und Leidenschaft eine geglückte Synthese eingegangen sind. Schön zu lesen. Zusammen mit den hinreißenden Fotos von Wolfgang Krammer, ergänzt durch historische Aufnahmen, ist dieses Buch  eine Einladung, sich dieser vom Versinken bedrohten Kultur zu widmen, welche man nicht ausschlagen sollte. Es muss nicht immer – oder nicht nur – die Kellergasse sein!

Rezension von Helga Maria Wolf

Eine weitere Rezension des Buches von Helga Maria Wolf finden Sie auf der Website des Austria Forums der TU Graz.

Wolkersdorf 1938

24. Dezember 2019
Wolkersdorf 1938

Verein zur Dokumentation der Geschichte Wolkersdorfs: Wolkersdorf 1938. Erinnerungen an die jüdischen Einwohner/innen von Wolkersdorf

76 Seiten, zahlreiche Abbildungen

2., korrigierte, stark erweiterte Auflage

Eigenverlag, August 2019.

ISBN 978-3-200-06620-5   EURO 14,80

http://www.wolkersdorf1938.at


Das Projekt wurde bereits 2005 gestartet. Es konstituierte sich die Arbeitsgruppe „Wolkersdorf 1938“ mit dem Ziel, die Lebensgeschichten der in Vergessenheit geratenen jüdischen Familien des Ortes zu recherchieren. Interessierte Bewohner*innen übernahmen „Erinnerungspatenschaften“ und forschten in Archiven, führten Gespräche mit Zeitzeugen, besuchten Gedenkstätten und tauschten regelmäßig Informationen aus. 2007 wurde eine Ausstellung gezeigt, weitere Aktivitäten folgten. Im Gedenkjahr 2018 gab es eine neuerliche Präsentation der Ausstellung. Die bereits bestehende Broschüre liegt jetzt neu aufgelegt und stark erweitert wieder vor.

In akribischer Form recherchiert, werden die Geschichten von 14 Wolkersdorfer jüdischen Familien vorgestellt. Unmittelbar nach dem Anschluss im März 1938 setzt die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ein. Realitäten werden als „Schenkung“ an die Marktgemeinde Wolkersdorf abgepresst, die Familien müssen binnen kürzester Zeit den Ort verlassen. Die Schicksale waren unterschiedlich. Vernichtung in einem Konzentrationslager, Auswanderung oder Untertauchen in Wien waren die nicht frei gewählte Auswahl, die es für die Menschen gegeben hat.

Der Zeithistoriker Stefan Eminger gibt mit „Wolkersdorf und seine Juden“ einen fachlich fundierten Überblick, daran schließen in alphabethischer Reihenfolge die Recherchen über die 14 Familien an. Die trockene Präsentation der Fakten, ohne eine explizierte Wertung zu geben, sprechen für sich. Besser ist Zeitgeschichte nicht spürbar zu machen. Dazu kommt eine überraschend reiche Bebilderung, die viel zur Veranschaulichung beiträgt.

Große Anerkennung dem Team. Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Wolkersdorfs ist in die Stadt zurückgekehrt.

RE


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