Wald.Geschichte.Weinviertel.

24. Februar 2021

DENNER Manuel: Wald.Geschichte.Weinviertel. Der Mittelwald im Weinviertel – historische Waldnutzung als gelebte Tradition und Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt

Mit Beiträgen von Lukas Čižek, Norbert Helm, Petr Kozel, Honza Miklin, Pavel Šebek und Matthias Weiss

Verlag Berger, Horn 2020

144 Seiten, Pappband, cellophaniert

ISBN 978-3-85028-922-1

Euro 29.90

Wald.Geschichte.Weinviertel | Der Mittelwald im Weinviertel – historische Waldnutzung als … | Denner, Manuel | Verlag Berger Onlineshop (verlag-berger.at)


Als Wienerwaldanrainerin war für mich dieser der Inbegriff des Waldes, hohe hundertjährige Buchen, undurchdringliche Baumkronen, dazwischen Eichenbestände und gelegentlich eingestreute Fichten oder Lärchen, im südlichen Wienerwald Föhren, dunkler Waldboden. Auf die Weinviertler Wälder mit ihren meist niedrigen Bäumen und lockerem Bewuchs blickte ich sehr geringschätzig herab. Manuel Denner hat mich eines Besseren belehrt.

Manuel Denner, seit seiner Kindheit an der Natur des Weinviertels interessiert, absolvierte eine forstwirtschaftliche Ausbildung und studierte Landschaftsplanung und -pflege an der Universität für Bodenkultur in Wien.

In der ersten Hälfte des Buches Wald.Geschichte.Weinviertel. führt er die LeserIn zunächst in die Entstehungsgeschichte des Waldes in Ostösterreich ein. Er beginnt am Ende der letzten Eiszeit und berichtet vom Einfluss des Klimas und besonders der großen Pflanzenfresser wie Mammut, Wisent und Auerochsen, die frische Triebe und Krautschicht abweideten und unterholzarme lichte Wälder erzeugten. Später prägte der Mensch das Erscheinungsbild des Waldes durch teils radikale aber auch angepasste Nutzung. Wälder wurden zur Gewinnung von Ackerland und zur Gewinnung von Bau- und Brennholz geschlägert, besonders in Gebieten mit Bergbau war der Holzbedarf enorm. Die Trennung von Wald und Feld war nicht so streng wie heute, der Wald diente häufig als Viehweide, z.B. eigneten sich Eichenwälder hervorragend zur Schweinemast.

Im Mittelalter werden die Wälder vom freien Gut zum Eigentum. Besitzer waren die Grundherrschaft, meist Adelige oder Klöster, die Untertanen durften die Wälder unter bestimmten Bedingungen nutzen. Schlägerungen wurden zunehmend geregelt. Schriftliche Quellen, die bis ins 15. und 16. Jahrhundert zurückreichen, belegen Erwerb und  Nutzung durch Gemeinden (z.B. Ketzelsdorfer Gemeindewald) und Wald- bzw. Agrargenossenschaften (z.B. Steinbergwald). In manchen Gegenden wird der Wald nach wie vor von Waldgenossenschaften  genutzt (z.B.Hörersdorf).

Im Weinviertel ist der Waldanteil an der Landschaft gering, nichtsdestotrotz aber sehr bedeutsam. Der Wald wird hier als Mittelwald bewirtschaftet. Das heißt, dass Unterholz zur Brennholznutzung regelmäßig entfernt wird, Stockausschläge, also die Triebe der umgeschnittenen Bäume und Sträucher können alle 20-30 Jahre verwendet werden, nur manche Stämme werden belassen und als sogenannte Überhälter erst von der übernächsten Generation geerntet. Denner berichtet auch über vergleichbare Waldnutzung in anderen europäischen Ländern.

Während die typische Weinviertler Landschaft mit intensiver Nutzung von Feldern und Weingärten wenig Raum für Wildtiere und Pflanzengesellschaften belässt, bietet die Mittelwaldbewirtschaftung durch das Nebeneinander unterschiedlicher Lebensräume ideale Bedingungen für eine stabile Artenvielfalt. Dichte und lockere Bestände an Büschen und Unterholz, in frisch geschlägerten Bereichen auch krautige offene Böden sowie das alte Eichenholz der Überhälter oder das Belassen von Totholz in den March-Thaya-Auen nutzen Insekten, Vögel und andere Baumbewohner als Wohnraum, Nisthöhle oder Nahrungsquelle. Einen Überblick über die Tiere und Pflanzen des Weinviertler Mittelwaldes gibt die zweite Hälfte des Buches.

Die Vielfalt an Vögeln, Tagfaltern, Käfern und Heuschrecken will nun von umweltbewussten Weinviertlern entdeckt und bewahrt werden!

Helga Dieberger

Abenteuer Wissenschaft

23. Januar 2021

HOFMANN Thomas: Abenteuer Wissenschaft. Forschungsreisende zwischen Alpen, Orient und Polarmeer

Böhlau Verlag, 2020

287 Seiten mit 190 farbigen Abbildungen, gebunden

ISBN 978-3-205-21104-4

Buch Euro 36.-/ e-book (pdf) Euro 28,80

Abenteuer Wissenschaft | Sozial- und Kulturgeschichte | Geschichte | Themen entdecken | Vandenhoeck & Ruprecht Verlage (vandenhoeck-ruprecht-verlage.com)


Thomas Hofmann, über dessen Weinviertelpublikationen (s. unten) hier oft geschrieben wurde,  stürzt sich in das Abenteuer Wissenschaft und nimmt uns mit auf Forschungsreisen, wie der Untertitel verrät, zwischen Alpen, Orient und Polarmeer. Also überall dorthin, wo vor allem GeologInnen ihre Erkundungen anstellen. Und das ist selbstverständlich kein Zufall. Hofmann ist gelernter Geologe und leitet seit vielen Jahren Bibliothek, Verlag und Archiv der Geologischen Bundesanstalt in Wien.

Was er uns kundtut, sind nicht vorrangig wissenschaftliche Errungenschaften der letzten zwei Jahrhunderte, es sind vielmehr die Personen hinter oft bahnbrechenden Ergebnissen. Wir erfahren von tragischen Unfällen, Problemen mit der Bevölkerung vor Ort, Schwierigkeiten bei Nahrungsbeschaffung und Entbehrungen durch Wetterunbill.

Wir erfahren auch von Eitelkeiten in der Wissenschaftscommunity. Zur höchsten Ehre gehört etwa die Benamsung eines Berggipfels nach einem verdienten Forscher, wobei gelegentlich ein Vorschlag, wenn er aus der KollegInnenschaft kommt, durchaus zu einem wohlwollenden Gegenvorschlag führen kann, vorausgesetzt natürlich, die Geehrten sind noch am Leben. Manchmal wird auch Vorkehrung getroffen, um für den Nachruf in eigener Sache die nötigen Inhalte bereitzustellen.

Hofmann bekundet für seine Helden viel Sympathie, für ihre Meriten und menschliche Schwächen, und er vermittelt uns seinen Respekt vor persönlichen Aufzeichnungen wie Tagebücher oder Briefe, die sich auch in den verwahrten Nachlässen befinden.

190 bemerkenswert gut ausgewählte Abbildungen begleiten die Kapitel und tragen wesentlich zur Veranschaulichung der für Laien manchmal sperrigen Materie bei. Wissenschaftsgeschichte braucht einen Vermittler wie Hofmann, der Fachkundigkeit und journalistisches Geschick auf eingängige Weise verbindet.

RE


Mehr von Thomas Hofmann:

Hintaus bei den Stadeln (Beitrag)

Weinparadies westliches Weinviertel (Nachwort)

Meeresstrand und Mammutwiese (gemeinsam mit Mathias Harzhauser und Reinhard Roetzel)

Es geschah im Mostviertel

Es geschah im Waldviertel

Wo die Wiener Mammuts grasten (mit Mathias Harzhauser)

Es geschah im westlichen Weinviertel

Es geschah im Weinviertel

Ziegelöfen und Lehmabbaue: Geschichte und Geologie (Beitrag)

Brünnerstraßler ABC

Aufkochen

3. Januar 2021

LEADER Region Weinviertel Ost (Hg.): Aufkochen. Alte Rezepte und Geschichten über das Leben im östlichen Weinviertel

Mit Texten von Wolfgang Galler und Fotos von Florentina Klampferer

Edition Winkler-Hermaden, 2020

176 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Hardcover

ISBN 978-3-9519804-5-4

Euro 24,90

www.edition-wh.at

http://www.kostbares–weinviertel.at/


Ein besonderes Projekt ist in ein Buch gemündet. Interviews mit Bewohner*innen der Alten- und Pflegeheime in Mistelbach, Poysdorf, Wolkersdorf und Zistersdorf förderten traditionelle Weinviertler Rezepte zu Tage. Auf Initiative des EU-Förderprojekts  LEADER Region Weinviertel Ost wurde gesammelt und von kundigen Bäuerinnen nachgekocht. Dazu wurde der Historiker Wolfgang Galler engagiert, um den Hintergrund zu Geschichte und Brauchtum des Essens zu beleuchten. Die Fotografin Florentina Klampferer setzte die Ergebnisse ins Bild.

Wir finden drei Kapitel, denen die präsentierten Kochrezepte zugeordnet werden: Essen im Jahresverlauf, also von Neujahr über Kirtag und Weihnachten bis Silvester. Essen im Lebenskreis, also von Geburt über Hochzeit bis Begräbnis und, als drittes Kapitel, Essen im Alltag. Da werden von Gemüse, Fleisch, Fisch und Wild über Erdäpfel bis Wein die wichtigen Nahrungsmittel der Region vorgestellt.

Galler bettet das Weinviertler Essen in das Umfeld von Brauchtum, wirtschaftlichen Grundlagen und der der Not gehorchenden strikten Regionalität ein. Die nachgekochten Speisen werden mit wohlarrangierten Fotos appetitlich präsentiert. Beim Durchblättern läuft einem nicht nur das Wasser im Mund zusammen, es kommen auch zahlreiche Erinnerungen an die eigene dörfliche Kindheit. Bröselnudeln mit Fisolen gehören heute noch zu meinen Lieblingsspeisen. Und Weinviertler Kirtagsbäckerei ist im mitteleuropäischen Vergleich unerreicht. Es darf aufgekocht werden.

RE


Mehr von Wolfgang Galler:

Schlacht & Schicksal

Straße und Handel – Siedlung unf Herrschaft

Hintaus bei den Stadeln (Beitrag)

KELLER.KULTUR.ERBE (mit Günter Fuhrmann)

Die Liechtenstein

Die Geschichte der Ulrichskirchner Müllerzunft

Das alte Wolkersdorf im Weinviertel

Jüdisches Niederösterreich (mit Christof Habres)

Straßengeschichte(n) (mit Stefan Eminger)

Unser täglich Brot

Weinviertel Kochbuch (mit Manfred Buchinger)

Die Pyramiden des Weinviertels

3. Januar 2021

Ernst Lauermann: Die Pyramiden des Weinviertels. Gräber sprechen, wo die Geschichte schweigt. Die Hügelgräber der Hallstattzeit

Edition Winkler-Hermaden, 2020

120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Hardcover

ISBN 978-3-95019804-2-3

Euro 21,90

www.edition-wh.at


Die Pyramiden des Weinviertels – welch treffender Vergleich, denkt man sich, wenn man den Spaziergang vom Dorfzentrum in Großmugl bis zum etwas südlich davon gelegenen mächtigen Grabhügel macht. Und hier stellen sich die Fragen, die Ernst Lauermann in seinem Buch diskutiert: Wer hat diese pyramidenartigen Hügel errichtet? Wenn es Grabhügel sind, wer ist hier bestattet? Welche Bestattungsriten gab es? Wo lebten die Menschen, die diese Hügel bauten oder bauen ließen? Wo überall gibt es diese Grabhügel?

Ernst Lauermann, bis 2017 als Landesarchäologe des Landes Niederösterreich im Urgeschichtsmuseum Asparn an der Zaya tätig, prägte diesen Vergleich der großen heimatlichen Grabhügel mit den Pyramiden des alten Ägyptens. Er beschreibt im vorliegenden Buch zuerst die zeitliche Einordnung der Grabhügel in die Epoche der Hallstattzeit. Fachlich versiert zeichnet er einen Überblick über deren Kulturkreise. Der Leser wird zunächst in den Westhallstattkreis geführt, der mit eindrucksvollen Funden in Süddeutschland gut dokumentiert ist. Besonders die große stadtartige Keltensiedlung auf der Heuneburg, die möglicherweise schon vom griechischen Geschichtsschreiber Herodot als keltische Stadt Pyrene und Ursprungsregion des Istros (der Donau) erwähnt wurde, sowie die in dieser Gegend erforschten „Fürstengräber“ geben Einblick in eine reiche Kultur.  Anschließend beschreibt Lauermann die hallstattzeitlichen Grabhügel des Weinviertels und der Donauebene und deren Erforschung. Die auffälligen Hügel wurden bereits von frühen Archäologen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts untersucht, wenn auch nicht nach heutigen Kriterien. Schließlich erwähnt Lauermann auch Hügelgräber, die aus anderen Epochen stammen. Er erzählt von Grabberaubungen und von Sagen, die sich um die „Erdmugel“ ranken, wie zum Beispiel Geschichten von Königsbestattungen mit goldenem Wagen, was der Realität erstaunlich nahe kommen könnte.

Die im Weinviertel öfter anzutreffenden Flurbezeichnungen mit Le, Lewer oder Leberg sind ethymologisch aus dem Althochdeutschen herzuleiten, bedeuten Hügel oder Grabhügel und können Hinweise auf archäologische Spuren geben. Untersucht wird heutzutage weniger durch Grabung selbst als durch geomagnetische Erforschung größerer Flächen und damit Sammeln von Hinweisen auf Siedlungsspuren, die zielgerichtete Grabungen ermöglichen.

Dem Ausflügler, der staunend vor den Lebergen von Großmugel, Niederfellabrunn, Bernhardstal oder einem anderen Weinviertler Ort steht, kann also manche Frage beantwortet werden. Auch wenn vielerorts Schautafeln gute Information vermitteln, ist die Lektüre des vorliegenden Buches, das neben einem guten Überblick  viele Fotos und Grafiken bietet, jedenfalls zu empfehlen. Naturgemäß bleibt vieles offen und regt die Fantasie ebenso an wie den Spürsinn der Forscher.

Helga Dieberger


Mehr von Ernst Lauermann:

Der Michelberg

Die dunklen Jahrhunderte des Weinviertels

Archäologie des Weinviertels

Das frühmittelalterliche Hügelgräberfeld von Bernhardsthal

3. Januar 2021

Jiří Macháček – Peter Milo: Das frühmittelalterliche Hügelgräberfeld von Bernhardsthal

Mit Beiträgen von Wolfgang Breibert, Petr Dresler, Stefan Eichert, Anna Pankowská und Friedel Stratjel

(Archäologische Forschungen in Niederösterreich, Neue Folge, Band 7)

Herausgegeben von Franz Pieler und Armin Lausegger

Krems 2019

Bestellnummer: ISBN 978-3-903150-58-4

Preis: Euro 25,00

Bezugsquelle:

https://noe.gv.at/noe/Kunst-Kultur/Archaeologie_Publikationen.html


Hügelgräber in der Region werden in der öffentlichen Wahrnehmung meist mit den hier verbreiteten hallstattzeitlichen Anlagen assoziiert. Diese oft auch Jahrhunderte später als Landmarken dienenden monumentalen Grabanlagen zogen schon allein ob ihrer Dimensionen das Interesse auf sich. So ranken sich um sie vielfältige Sagen, mit denen man versuchte, ihre Entstehung zu erklären. Vielfach wurden sie als Wahrzeichen auch identitätsstiftend für die Bevölkerung der umliegenden Orte, man denke nur an Großmugl, und in weiterer Folge auch zur touristischen Bewerbung herangezogen. So bringt es der mittlerweile pensionierte niederösterreichische Landearchäologe Ernst Lauermann auf den Punkt, wenn er sein neuestes Werk, das hier ebenfalls noch zur Besprechung gelangen wird, mit dem Titel „Die Pyramiden des Weinviertels“ versah.

Ungleich weniger Beachtung wurde ihren „kleinen Geschwistern“ – den frühmittelalterlichen, slawischen Hügelgräbern zuteil, wenn auch unberechtigterweise. Obwohl sie bei weitem nicht diese Ausmaße erreichten und heute in der Landschaft mit freiem Auge faktisch nicht zu erkennen sind, stellen sie eine wissenschaftliche Quelle von unschätzbarem Wert dar und erzählen ihre Geschichte. Diese Geschichte wurde 2019 für ein solches Hügelgräberfeld, nämlich jenes von Bernhardsthal, zwischen zwei Buchdeckel gebannt. Wobei hier gleich erwähnt sei, dass in den vielfältigen Beiträgen, die in diesem Band vereint sind, der Blick auch auf andere ähnliche Anlagen in der näheren und weiteren Umgebung gerichtet wird.

Der Großteil des Fundmaterials der Grabungen in den Jahren 2013/14, die der Untersuchung zu Grunde liegen, führt in die Zeit des 7. und 8. Jahrhunderts, und datiert somit noch vor der Zeit der Machtentfaltung des Mährischen Reiches, dessen Bedeutung für die Geschichte des Weinviertels kaum überschätzt werden kann. In kleinerem Rahmen liegt jedoch auch Material vor, das bereits in diese Zeit, also in das 9. Jahrhundert fällt. Die Untersuchungen der Grabhügel mit ihren Bestattungen sowie der Begräbnisriten wird auch in den Kontext der Besiedlung im Umfeld gestellt, auch jenseits des österreichischen Staatsgebietes. Die heutige Grenzlage des Ortes ist ja eine, vom historischen Blickwinkel aus betrachtet, vergleichsweise junge Erscheinung. So sei nur auf die Lage des Hügelgräberfeldes von Bernhardsthal in nächster Nähe zur Siedlungsagglomeration von Pohansko verwiesen. Nicht zufällig standen die Grabungskampagnen in Bernhardsthal im Zeichen einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen der Masaryk Universität Brno und dem Land Niederösterreich, welche sich auch im Reigen der Autorinnen und Autoren vorliegender Publikation widerspiegelt.

Abschließend sei noch auf die reiche Bebilderung verwiesen, mit der alle Beiträge illustriert sind und die auch bei Nicht-Fachleuten zum Verständnis der Materie beiträgt.

Wolfgang Galler

Mühlen an der Zaya

27. November 2020

Gerold Esser und Gerhard A. Stadler: Mühlen an der Zaya. Bauform Technik Geschichte

Unter Mitwirkung von Doris Berl, Dmitri Egorov, Celine Klipfel, Jelena Madzaric, Suchon Malllikarmal, Stefy Popovici, Ana Lutgart Tincu, Petre Tiberius Trifan, Mirela Weber-Andreşcov

Hardcover, zahlreiche Abbildungen, eine Karten-Beilage, 478 Seiten

Verlag Bibliothek der Provinz, 2018

ISBN 978-3-99028-627-2   EURO 38.-

https://www.bibliothekderprovinz.at/buch/7351/


Die Zaya ist ein im östlichen Weinviertel von West nach Ost verlaufender Fluss, der in den Leiser Bergen entspringt und bei Drösing in die March mündet. Wobei die Zaya in den 60 Kilometern, die sie bis zur Mündung zurücklegt, nie wirklich zu einem Fluss wird. Von einem Gerinne zu einem Bach geworden ergießt sie sich bestenfalls als Flüsschen in die March. Umso bemerkenswerter ist die Tatsache eines unglaublich dichten Mühlenbestandes. 44 Mühlen werden vorgestellt, das bedeutet über eine Strecke von 60 Kilometern durchgerechnet eine Mühle pro 1,3 Kilometer!

Gerold Esser und Gerhard A. Stadler, beide zum Zeitpunkt des Entstehens des Buches Lehrende am Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege an der Technischen Universität Wien, haben sich zur Aufgabe gestellt, die Zayamühlen im Rahmen eines Forschungsseminars mit Studierenden zu dokumentieren. Im Sommersemester 2013 fand die Vorort-Erhebung statt.

Die Mühlen werden vom Ursprung bis zur Mündung der Reihe nach dargestellt. Immer nach dem gleichen Schema wird zuerst die Bausubstanz beschrieben, dann wird der Standort mit historischem Kartenmaterial nachverfolgt und mit der bestehenden Substanz verglichen. Schließlich wird kursorisch die Geschichte des Objekts angerissen und ein Steckbrief erstellt, der Quellen, Literatur und Kontaktpersonen nennt.

Um das Ergebnis vergleichbar zu machen, werden die Standorte nach einem Punktesystem mit fünf möglichen Punkten bewertet. Ein Punkt meint: Standort mit nur noch spärlichen baulichen Überresten, fünf Punkte bedeuten: komplett erhalten beziehungsweise noch in Betrieb. Dazwischen wird abgestuft. Damit entsteht eine Übersichtlichkeit, für die der Leser/die Leserin sehr dankbar ist. Vielfach gibt es nämlich keinen einheitlichen Namen, in der Überlieferung kursieren oft mehrere Bezeichnungen für ein Objekt oder die gleiche Bezeichnung für mehrere Objekte.

Das Mühlensterben nach dem Zweiten Weltkrieg hat den größten Teil des Bestandes zu Ruinen werden lassen. Von den 44 Objekten sind es gerade vier, die fünf Punkte erreichen. Umso wertvoller ist die systematische Erfassung, die Ausgangspunkt für weitere Forschung darstellt. Die wirtschaftliche Bedeutung, die gesellschaftliche Stellung, die Familiengeschichten der Zaya-Müller sind kaum erforscht.

Es handelt sich um Wassermühlen, nahe dem Ursprung eher um Teichmühlen, dann um Flussmühlen, es waren Mühlen zum Vermahlen von Getreide, aber auch, wie en passant mitgeteilt wird, zum Sägen von Holz und zum Walken von Leder und Tuch, immer ohne konkrete Angaben. Die Mühlengeschichte(n) sind also noch zu schreiben.

Beigelegt ist eine Karte, die für eine Vorort-Erkundung gute Dienste leistet. Den Autoren ist zu danken, dass die Seminararbeit nicht im Elfenbeinturm der Universität verblieben ist. Der Verlag Bibliothek der Provinz hat aus dem zunächst trocken erscheinenden Thema ein Buch mit ansprechendem Mix aus Text, Bild und Grafik geschaffen, das für jeden Weinviertel-Interessierten auch ohne wissenschaftlichen Anspruch gut benützbar ist.

RE


Mehr von Gerold Esser:

Kulturlandschaft der Kellergassen

Kellergasse Alte Geringen

Kellergasse Loamgstettn

Schlacht & Schicksal

26. Oktober 2020

Wolfgang GALLER (Redaktion): Schlacht & Schicksal. 1278 – Jedenspeigen im Brennpunkt Mitteleuropas

Begleitpublikation zur Dauerausstellung im Schloss Jedenspeigen

Broschur, 36 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Eigenverlag Marktgemeinde Jedenspeigen, 2020

Erhältlich im Schloss Jedenspeigen und am Gemeindeamt Jedenspeigen

Euro 10.- (excl. Porto)

Bestellmöglickkeit:                                                                                                          Martkgemeinde Jedenspeigen                                                                                                             Bahnstraße 2, 2264 Jedenspeigen, Tel: 02536/8224                            gemeinde@jedenspeigen.gv.at


2019 wurde im Schloss Jedenspeigen im Rahmen eines EU-Projektes eine neue Dokumentation über die denkwürdige Schlacht von 1278 gestaltet. In dieser Schlacht, die auf dem Feld zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen geschlagen wurde, kämpfte Rudolf von Habsburg gegen den Böhmenkönig Ottokar II. Přemysl um das Erbe der österreichischen Babenberger. Ottokar unterlag und verlor in der Schlacht sein Leben. Damit nahm die über 600 Jahre – bis 1918 – währende Habsburgerherrschaft in Österreich ihren Anfang.

Die Ausstellung zeichnet geschickt die politische Lage der Zeit nach. In Mitteleuropa rangen der Böhmenkönig, das Deutsche Reich und Ungarn um die noch nicht festgelegten Einflußsphären. Tatsächlich hatten die Spannungen nach dem Aussterben der Babenberger mehr und mehr zugenommen und die Lage spitzte sich zu, als die deutschen Fürsten den Schwaben Rudolf von Habsburg zum Deutschen König wählten. Rudolf und Ottokar beanspruchten das Babenbergische Erbe.

Die Dokumention stellt uns die handelnden Personen und ihren HIntergrund vor. Aufgezeigt wird die wichtige Rolle der Ungarn, die auf Rudolfs Seite kämpften und wesentlichen Anteil am Ausgang der Schlacht hatten. Wir erleben, geführt vom kundigen Team der Ausstellungsmacher Günter Fuhrmann und Wolfgang Galler, den schicksalshaften 26. August 1278 von der Truppenaufstellung am frühen Morgen über den Schlachtverlauf bis zum Tod des Böhmenkönigs.

In den letzten Räumen erfahren wir vom Nachleben des Ereignisses, in der Musik, in der bildenden Kunst, in der Literatur. Die Deutungen sind je nach Standpunkt ganz unterschiedlich. Der Tscheche Alfons Mucha zeigt in seinem Bilderzyklus „Slawisches Epos“ einen verklärten Ottokar, während Grillparzer in seinem Stück „König Ottokars Glück und Ende“ einen edlen Rudolf zeichnet, der den bösen Böhmenkönig niederringt.

Die Ausstellung arbeitet in thematisch angelegten Räumen mit Schautafeln, die sich durch knappen Text und gut gewähltes Bildmaterial auszeichnen, sodass das Risiko zu ermüden gering bleibt und wir den Höhepunkt „Schlacht“ gut vorbereitet und mit Spannung erleben können. Dem gewichtigen Titel „Schlacht & Schicksal“, eine an Richard Wagner erinnernde Alliteration, trägt die Ausstellung ohne großes Pathos Rechnung.

Noch zwei Anmerkungen: Zur Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, die tatsächlich viel Pathos in sich trägt und zahlreich als Bildmaterial verwendet wird, fehlt der kritische Kommentar, der diese Werke in ihren Zeitkontext stellt. Und: Die digital animierte Rekonstruktion der Schlacht auf einer überdimensionalen Projektionswand ist eine eindrucksvolle Installation, allerdings, wie offenbar eine Schlacht so ist, eher unübersichtlich.

Das Schloss bietet nach der geschlagenen Schlacht eine erholsame Vinothek, in der es nicht nur Jedenspeigner, sondern auch slowakische Weine zu verkosten gibt. Das ist auch die Gelegenheit, die gut gemachte Begleitpublikation, die in verdichteter Form die Ausstellungstexte versammelt, durchzublättern.

RE

Bildstöcke Wegkreuze Kapellen

30. September 2020

Ferdinand ALTMANN: Bildstöcke Wegkreuze Kapellen und andere Markierungen der Landschaften im Weinviertel

Hardcover, 156 Seiten

ca. 380 Bilder von 270 Objekten

Eigenverlag Kulturbund Weinviertel, 2020

ISBN 978-3-200-07066-0   EURO 25.-

Kulturbund Weinviertel , Museumsgasse 4, 2130 Mistelbach

office@kulturbundwv.at    mobil  0676/4877395


Der Altmeister der Weinviertler Kulturszene legt ein sehr schönes Buch vor. Er zeigt uns die Fülle an Kleindenkmälern, die das Weinviertel landauf landab markiert. Mit seinen 270 meist selbst fotografisch dokumentierten Objekten liefert er ein anschauliches Extrakt der wohl schönsten Wegzeichen. Es gibt nicht nur Fotos, es gibt durchaus auch Recherche, die manchen Hintergrund zu den meist kaum in den Quellen fassbaren Zeichen liefert. Die frühesten Objekte stammen aus dem Mittelalter, manchmal datiert, manchmal auch mit dem Namen eines Stifters versehen und oft mit einer schönen Geschichte verbunden. Die Bilder werden mit Text und Lyrik grafisch verdichtet und nehmen uns mit  auf eine unterhaltsame Reise.

Nicht immer scheint alles belegbar, was uns erzählt wird. Die Fülle an Zuordnungen als Pestdenkmal oder Platz eines Pestfriedhofes erstaunt den unbedarften Leser, weil die Quelle zu den Angaben kaum geliefert wird. Auch die Vequickung von Kuruzzen und Türken, die manchmal austauschbar als Hintergrund für ein Denkmal herangezogen werden, nimmt literarischen Charakter an. Dafür baut er geschickt passende Lyrik der Größen Weinviertler Heimatdichtung ein und liefert damit den unverwechselbaren Altmann-Mix, der zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Er hat als Urgestein der Weinviertel – Erweckung seit den 1980er Jahren mit einer Reihe bahnbrechender Publikationen ganz entscheidenden Anteil gehabt, dass die Region aus ihrem Dornröschenschlaf gerüttelt wurde. Bis heute gibt er „seine“ Kulturnachrichten aus dem Weinviertel heraus, die in ebenso unverwechselbarer Weise eine Mischung aus Fotoheft, Heimatgeschichte, Kunstgeschehen und Literarischem in schöner Regelmäßigkeit eine unverzichtbare Weinviertel – Melange ins Haus liefern.

Ferdinand hat wohl jahrzehntelang an der Stoffsammlung gearbeitet und es ist ihm zu danken, dass er uns auf kompakte Weise die merkwürdigen Zeichen in der Landschaft näherbringt.

Bei weiterem Interesse an Kleindenkmälern sei unter anderem auf die Homepages www.kleindenkmal.at und www.marterl.at sowie auf das Buch „Antennen zwischen Himmel und Erde“ verwiesen.

RE

111 Orte || Lieblingsplätze Weinviertel

6. September 2020

Günther PFEIFER, Gerhard HOHLSTEIN, Franziska WOHLMANN-PFEIFER: 111 Orte im Weinviertel, die man gesehen haben muss

Mit zahlreichen Fotografien

Broschur, 240 Seiten

Emons Verlag, 2020

ISBN 978-3-7408-0843-3   EURO 17,50

https://www.emons-verlag.com/programm/111-orte-im-weinviertel-die-man-gesehen-haben-muss


Gabriele DIENSTL: Lieblingsplätze Weinviertel. Zauberhafte Ausflugsziele. Genüsslich schlemmen. Freizeitspaß für Familien

88 farbige Abbildungen

Paperback, 192 Seiten

Gmeiner Verlag, 2020

ISBN 978-3-8392-2545-5   Buch EURO 17.50 / E-book EURO 12.99

https://www.gmeiner-verlag.de/buecher/titel/lieblingsplaetze-weinviertel.html


Seit Beginn der Ausflugssaison prangen in der Auslage einer Weinviertler Buchhandlung zwei Neuerscheinungen, die es wert sind, verglichen zu werden:

111 Orte im Weinviertel, die man gesehen haben muss und Lieblingsplätze Weinviertel.

In durchaus zeitgemäßem, You-Tube-artigem Konzept werden 111 bzw. 88 bemerkenswerte Weinviertler Orte beschrieben. Eine Seite zeigt ein repräsentatives Foto, die Seite daneben enthält den Text mit Beschreibung der Örtlichkeit und einer kleine Geschichte dazu, ergänzt durch Adresse, Öffnungszeiten, Beschreibung der Anreise mit PKW (111 Orte) und eventuell zusätzliche Tipps. Also anklicken, pardon aufschlagen, Bild anschauen, kurze Information einholen, Lust auf Hinfahren bekommen und nächste Seite aufschlagen. Beide Bücher enthalten einen schönen Übersichtsplan der Ausflugsziele, die 111 Orte auch eine alphabetische Ordnung der Ziele, was die Orientierung erleichtert.

Braucht man zwei so ähnliche Bücher? Wo liegt der Unterschied, abgesehen von Buchumschlag in hauptsächlich gelbem (111 Orte) und blauem (Lieblingsplätze) Layout, das sich gemeinsam zu den niederösterreichischen Landesfarben ergänzt, als ob es die Idee einer findigen Werbeagentur im Auftrag der Niederösterreich-Touristik gewesen wäre?

Die 111 Orte bezeichnen sich als Original, was noch nicht viel heißt, Original ist noch kein Qualitätskriterium. Die Autorengemeinschaft, der jedenfalls viel Ortskenntnis und Recherchearbeit bescheinigt werden kann, widmen ihr Buch nach eigener Angabe vor allem jenen Menschen, die durch eigenes Engagement zur Entstehung eines bemerkenswerten Orts beigetragen haben und wollen Geschichten erzählen, die noch nicht alle gehört haben.

Die Autorin der Lieblingsplätze, ebenfalls mit viel Ortskenntnis ausgestattet, erklärt ihr Konzept bereits im Titel.

Etwa 30 Orte überschneiden sich, werden in beiden Büchern gleich oder sehr ähnlich beschrieben. Es verbleiben immerhin 81 bzw. 58, die es lohnen, beide Bücher zu erwerben, um noch mehr über das Weinviertel zu erfahren.

Wenn sie/er nur eines haben möchte, welches der beiden sollte sich die/der Weinviertel-Interessierte nun kaufen? Für Weinviertel-Anfänger*innen wären wohl die Lieblingsorte der bessere Start, werden hier doch eher die Klassiker der Weinvierteltouristik beschrieben, zum Beispiel das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz, Asparn an der Zaya, Poysdorf, Stetten, Retz, das klassische Eggenburg und das Tafeln im Weinviertel. Vielleicht liegt der Schwerpunkt ein bisschen mehr im östlichen Weinviertel. Die 111 Orte lassen manche Klassiker mutig weg – auch wenn man sie unbedingt gesehen haben sollte – und widmen sich unbekannteren Zielen und/oder Kuriositäten, zum Beispiel dem Skiparadies von Oberfellabrunn, dem Krautvogel von Oberstockstall, der alten Kuh von Limberg oder dem schiefen Turm von Waitzendorf. Sie sind also eher die Empfehlung für die Fortgeschrittenen. Vielleicht liegt der Schwerpunkt mehr im westlichen Weinviertel.

Die Gastronomie kommt erfreulicherweise in keinem der beiden Bücher zu kurz, möchte man doch bei einem schönen Ausflug auch die leiblichen Genüsse nicht missen.

Was man wirklich noch bräuchte, wäre ein noch zeitgeistigeres drittes Buch, das dabei hilft, all die schönen Ziele auch zu erreichen, wenn man nicht mit dem Auto unterwegs sein will.

HD

Kulturlandschaft der Kellergassen

6. September 2020

Gerold Eßer (Hrsg.): Kulturlandschaft der Kellergassen. Erforschung – Schutz – Erhaltung

Efalin Band in Fadenheftung, 304 Seiten

Verlag Berger, 2020

ISBN 978-3-85028-923-8   EURO 45.-

https://www.verlag-berger.at/detailview?no=2827


Um es vorweg zu nehmen: Es ist nicht nur physisch, sondern auch inhaltlich ein gewichtiges Werk. Auf über 300 Seiten wird die Kulturlandschaft der Kellergassen abgehandelt. Die fachkundige Herausgeberschaft hat der Kunsthistoriker und Baudenkmalforscher Gerold Eßer übernommen. Er ist Referent für Baudenkmalpflege beim Bundesdenkmalamt und – ganz wichtig für unser Thema – begeisterter Neo-Weinviertler.

Das Buch ist die Frucht des Symposiums „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“, das im Oktober 2018 in Poysdorf stattgefunden hat. Mit Beiträgen von 29 Autor*innen wird die Erforschung, der Schutz und die Erhaltung der Kellergassen zum Thema gemacht.  Ziel ist die In-Wert-Setzung eines bisher zu wenig geachteten Kulturerbes. Im Weinviertel prägen über 1000 Kellergassen mit einem Bestand von fast 40.000 Weinkellern das Gesicht der Region, ein weltweit einzigartiger Schatz.

Eßer fasst den Forschungstand zum Thema zusammen, sowohl wissenschaftlich als auch künstlerisch. Akribisch wurde nach Quellen aller Art Ausschau gehalten und aus früheren Zeiten eher dürfige, seit den späten 1970er Jahren ergiebigere Funde gemacht. Bahnbrechend für das Thema waren die Arbeiten von Johann Kräftner über die „Naive Architektur in Niederösterreich“ und das berühmte Buch „Kultur der Kellergasse“ des Kulturbundes Weinviertel aus den frühen 1980er Jahren. In der Folge ist ein langsames Erwachen feststellbar, was die Wahrnehmung des Phänomens Kellergasse betrifft, wobei es noch fast zwei Jahrzehnte dauern sollte, bis eine breitere Rezeption erfolgte und damit auch eine kulturtouristische Nutzung einzusetzen begann.

Unter dem Kapitel Erforschung und Erschließung findet sich das Pilotprojekt des Symposiums, nämlich die exemplarische bauhistorische und sozialgeschichtliche Untersuchung zweier typischer Kellergassen, nämlich der „Alten Geringen“ in Ketzelsdorf (Gemeinde Poysdorf) und der „Loamgstettn“ in Ameis (Gemeinde Staatz). Schwärmen ist nicht die angemessene Haltung eines Rezensenten, aber diese Arbeit finde ich, pardon, sensationell. Erstmals wurde interdisziplinär eine Kellergasse nicht nur bauhistorisch mit einer verformungsgetreuen Vermessung durch ein professionelles Team und gründlicher bautechnischer Analyen erfasst. Es wurden mit gründlichen Quellenstudien das Alter der Anlagen zumindest in Annäherung festgestellt und die Besitzerstruktur mit den daraus ableitbaren Erkenntnissen zu den Anteilen der Dorfgesellschaft an der Weinwirtschaft analysiert. Eine überraschende Erkenntnis ist wohl, dass Kleinhäusler, also Menschen mit geringem Besitz, zu einem hohen Anteil und auch Inwohner – Peronen ohne ein eigenes Haus – Keller besaßen. Die Untersuchung ist ein Pilot in einem bislang weitgehend unbekannten Kontinent.

Im Kapitel „Schutz und Steuerung“ werden Strategien zur Erhaltung überlegt, die deshalb schwierig ist, weil die Keller und Preßhäuser im Zuge der Modernisierung der Weinwirtschaft ihre ursprüngliche Funktion verloren haben. Das Kapitel „Erhaltung und Weiterentwicklung“ führt das Thema fort. Andreas Breuss etwa stellt Interventionen moderner Architekten im historischen  Ensemble einer  Kellergasse vor. Nicht jedes Ergebnis erscheint überzeugend, aber der Zugang ist zukunftsweisend. Die Fachleute für Lehmbau geben wichtige Hinweise für den materialgerechten Umgang mit traditionellen Baustoff Lehm, aus dem viele Preßhäuser errichtet sind.

„Nutzung und Vermittlung“, das abschließende Kapitel dieses breiten Panoramas, zeigt die Ansätze der Kulturtouristik, die sich im besten Sinne um die Vermarktung kümmert und damit auch den Besitzern Argumente liefert, warum die Kellergassen erhalten bleiben sollen. Einen wesentlichen Beitrag zur In-Wert-Setzung  leisten dabei die „Kellergassenführer*innen“ als  Kulturvermittler*innen vor Ort. Der Lehrgang für diese Ausbildung – mit mittlerweile über 600 Absolvent*innen –  wird von der Agrarplus Akademie angeboten, die nicht nur Wissen über Kellergassen, sondern unter anderem auch über Weinviertler Stadel vermittelt. https://akademie.agrarplus.at/home.html

Begleitet werden die Texte von ausgezeichnetem Bildmaterial. Hervorzuheben sind die Luftbildaufnahmen, die eine Gesamtansicht der Anlagen aus der Vogelperspektive zeigen , wie sie bisher kaum zu sehen waren. Eine gründliche Bibliographie rundet den Band ab, die benutzerfreundlich nach Erscheinungsjahr gegliedert ist.

Dem Engagement der Kellergassen-Aktivist*innen ist zuzutrauen, dass sie eines Tages mit der In-Wert-Setzung das große Ziel erreichen, nämlich die Anerkennung als UNESCO Weltkulturerbe. Damit hätte die“ Kulturlandschaft der Kellergassen“ die ganzen Welt erobert.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass das Bundesdenkmalamt in der „Österreichischen Zeitschrift für Kunst- und Denkmalpflege“ (ÖZKD), der hauseigenen Fachzeitschrift, im Vorfeld einen Tagungsband des Symposiums in Poysdorf vom Oktober 2018 herausgebracht hat, der die Fachbeiträge versammelt, die dann in das oben besprochene Buch eingeflossen sind.

RE


Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege LXXIII . 2019 . Heft 3/4

Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel. Symposion in Poysdorf vom 26. bis 28. Oktober 2018

Mit Beiträgen von Gerold Eßer, Johann Kräftner, Andreas Schmidbaur, Oliver Fries / Lisa-Maria Gerstenbauer / Ronald Kurt Salzer, Stefan Linsinger / Lukas Sint, Heinz Wiesbauer, Thomas Schauppenlehner, Nott Caviezel, Paul Mahringer, Martina Scherz, Sibylla Zech, Astrid Huber / Johannes Weissenbach, Hubert Feiglstorfer / Roland Meingast / Franz Ottner, Alexander Jirout / Gabriele Jirout, Andreas Breuss, Manfred Breindl, Johannes Rieder, Johannes Pleil

Softcover, 216 Seiten

Verlag Berger, 2020

ISSN 0029-9626   EURO 20.-

https://www.verlag-berger.at/detailview?no=2824