Hagen-Gesellschaft.

5. Juli 2020

René EDENHOFER: Hagen-Gesellschaft. Mitbegründer der Wiener Künstlervereinigungen Secession und Hagenbund

Softcover, 80 Seiten, zahlreiche Abbildungen

Eigenverlag René Edenhofer, Deutsch Wagram, 2020

ISBN 978-3-9504428-1-6

Anfragen: http://www.reneedenhofer.at/


René Edenhofer, der bisher als Erforscher, Ausstellungsgestalter und Publizist für die Themen Steingut / Keramik / Porzellan mit Schwerpunkt Deutsch-Wagram und Wilhelmsburg (Lilienporzellan, Daisy) hervorgetreten ist, überrascht mit einer Arbeit über die Wiener Künstlerszene um 1900 – ein Thema, von dem man annahm, schon alles darüber gelesen, gesehen und erfahren zu haben. Im Zentrum steht die ‚Hagen-Gesellschaft’, eine im Umfeld des Künstlerhauses um 1880 entstandene lose Künstlervereinigung, die einen wesentlichen Beitrag zur Gründung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs ‚Secession‘ (1897) und des ‚Künstlerbund Hagen‘ (1900) leistete. Edenhofer weist nach, dass neben diesen beiden erfolgreichen Künstlergruppen auch die Hagen-Gesellschaft noch weiter Bestand hatte: ein Zeitungsartikel über ihr 50-Jahrjubiläum aus dem Jahr 1931 inspirierte den Autor zu einer Expedition durch einschlägige Archive wie das der Albertina oder jenes im Kupferstichkabinett der Akademie der Bildenden Künste. Einmal mehr erwies sich auch ANNO, das historische online-Zeitungsarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, als unschätzbarer Fundus für Nachforschungen. 

Das Gesamtergebnis ist eine im Eigenverlag herausgegebene Broschüre, die Fakten und Geschichten über die Wiener Künstlerschaft inklusive des Architektenclubs durch reichhaltige Bebilderung und Mittel wie Struktogramm oder tabellarische Gegenüberstellung gut und zum Teil auch höchst vergnüglich lesbar darbietet. Wie genau und detailliert Edenhofer recherchiert, belegt z.B. die Darstellung der Gründungsphase des ‚Künstlerbunds Hagen’ mit ihren Protagonisten und Turbulenzen.

Namensgebend für beide Gruppierungen war übrigens Josef Ha(a)gen, künstleraffiner Inhaber der Gastwirtschaft zum ‚Blauen Freihaus‘ in der Gumpendorfer Straße 9. Neben dem Cafe Sperl dürfte das Lokal die künstlerische Kreativität seiner Stammgästen wohl mindestens so stark gefördert haben wie die drei großen Kunstanstalten der Umgebung.

Manfred Pregartbauer


Mehr von René Edenhofer:

Gmundner Keramik. Schleiss Keramik. Markenführer 1866–2017

Militaria auf Keramik

Uhrblätter der Wilhelmsburger Steingut-Fabrik

Daisy. Liebling der Massen

Wilhelmsburger Steingut

Schloss Hof. Archäologie – Geschichte – Wiederherstellung

4. Juni 2020

Nikolaus Hofer und Franz Sauer (Hg.): SCHLOSS HOF. Archäologie – Geschichte – Wiederherstellung

Mit Beiträgen von Walter Blasi, Günther Kvapil, Franz Sauer, Tamara Scheer und Werner Sellinger

Archäologie aktuell Band 3

120 Seiten, Softcover, zahlreiche Abbildungen

Verlag Ferdinand Berger & Söhne, 2019

ISSN 2523-2061 EURO 17.90

Als E-Book

ISBN 978-3-85028-878-1 Download-Artikel EURO 12.-

http://www.verlag-berger.at


Es ist eine Erfolgsgeschichte, die hier verhandelt wird. Das Prinz-Eugen-Schloss Hof, an der March gelegen, mit Sichtkontakt zu Bratislava/Pressburg, war in den 1980er Jahren in ruinösem Zustand, an dem auch die erfolgreiche Landesausstellung 1986 zum 250. Todestag des Prinzen nichts zu ändern schien. Ein Anlauf in den 1990er Jahren startete mit einer gartenarchäologischen Grabung, einer Premiere in Österreich. Die Fragestellung war, ob für die Wiederherstellung des berühmten, mittlerweile völlig verwilderten Barockgartens genug Information zu gewinnen wäre. Der Pilot war erfolgreich. Auf Grund der sensationellen Ergebnisse war deutlich, dass der Garten tatsächlich rekonstruierbar war. Herausgeber Sauer war damals Grabungsleiter und bringt sehr anschaulich seine persönlichen Erfahrungen in die Darstellung ein.

Zu der Wissenschaft und den engagierten lokalen Betreibern gesellte sich endlich die Politik, die sich bereit erklärte, viel Geld in die Hand zu nehmen. Ab dem Beginn der 2000er Jahre wurden Garten und Gebäude schrittweise in Stand gesetzt. Seit 2019 erstrahlt mit der Rekonstruktion der letzten von sieben Gartenterassen einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Barockgärten wieder in seiner ganzen Pracht. Damit ist ein Gesamtkunstwerk auferstanden, das heute hunderttausende Besucher*innen pro Jahr anlockt (www.schlosshof.at).

Die Herausgeber versprechen eine genussvolle und amüsante Lektüre, die Geschichte wird kurzweilig erzählt. Wir werden mitgenommen auf die Reise durch die Vorgeschichte bis zum Ankauf durch den Prinzen. Dann folgt die gewaltige Umgestaltung in Rekordtempo durch die besten Künstler ihrer Zeit. Der Prinz konnte nur für kurze Zeit – knapp zwei Jahre – seinen Landsitz genießen. In der Folge gelangte das Schloss an Maria Theresia, die ihm einen zweiten Höhepunkt bescherte. Im 19. Jahrhundert verlor es seine Bedeutung und wurde einer militärischen Nutzung zugeführt, die bis in die 1950er Jahre andauerte. Zurück blieb ein abgenutzter Torso, der ausgeräumt und verwahrlost vor sich hindämmerte.

Franz Sauer liefert den historischen Hintergrund. Wir erfahren von einem der Vorbesitzer, an dessen Grabstein kein Sterbedatum zu finden ist, über die Kuruzzenschanze mit Lücken und den Goldenen Schnitt als wichtiges Mass für Garten und Schloss. Walter Blasi und Tamara Scheer legen kenntnisreich die „Kasernenzeit“ des Prunkbaus dar, Günther Kvapil als technischer Leiter schildert die baulichen Instandsetzungsarbeiten und der Gartengestalter Werner Sellinger berichtet von der praktischen Seite der Gartenrekonstruktion.

Dazu gesellt sich eine reichliche und anschauliche Bebilderung, die den Anspruch von „genussvoll und amüsant“ bekräftigt. Mit Archäologie aktuell haben die Herausgeber eine Reihe ins Leben gerufen, die noch einiges Spannendes erwarten lässt. Grafiker und Verlag bieten eine professionelle Umsetzung und die Ausgabe als e-Book unterstreicht den zeitgemäßen Ansatz.

RE

Kellergasse Alte Geringen. Kellergasse Loamgstettn.

19. April 2020

Projektgruppe „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“ (Hg.): Kellergasse Alte Geringen (KG Ketzelsdorf)

Bild-Text-Band anlässlich des EU Kulturerbejahrs 2018, Projektleiter DI Dr. Gerold Eßer

56 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Mit Unterstützung von Bund, Ländern und Europäischer Union, 2019

Für die Zusammenstellung verantwortlich: Johannes Rieder

www.poysdorf.at

www.kellerakademie.at


Projektgruppe „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“ (Hg.): Kellergasse Loamgstettn (KG Ameis)

Bild-Text-Band anlässlich des EU Kulturerbejahrs 2018, Projektleiter DI Dr. Gerold Eßer

56 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Mit Unterstüzung von Bund, Ländern und Europäischer Union, 2019

Für die Zusammenstellung verantwortlich: Johann Öfferl und Sebastian Steyrer

www.staatz.at

www.ameis.at

www.dorfwiazhaus.ameis.at


Es ist ein Versuch über zwei Kellergassen, der hier in zwei Heften vorgelegt wird: jeweils eine Monographie über die Kellergasse „Alte Geringen“ in Ketzelsdorf (Stadtgemeinde Poysdorf) und eine über die Kellergasse „Loamgstettn“ in Ameis (Marktgemeinde Staatz). Ein einschlägiges Symposion, nämlich „Kulturlandschaft Kellergassen Weinviertel“, das im Rahmen des „Europäischen Kulturerbejahrs 2018“ in Poysdorf stattgefunden hat, lieferte die Grundlagen.

Von Seiten der Gemeinden und von Seiten der Experten wurde eine bunte Mischung zusammengetragen, die die beiden mittlerweile berühmten Kellergassen von unterschiedlichen Zugängen her untersucht.

Das Team Fries, Salzer und Gerstenbauer liefert für beide Anlagen eine bauhistorische Untersuchung, die auch geschichtliche Quellen einbezieht. Sie vermessen beide Anlagen und analysieren alte Pläne. Sie fragen, wann die Keller und wann die damit verbundenen Presshäuser entstanden sind. Sie ermitteln frühere Besitzer und deren Stellung im Dorf. Das Ergebnis bringt viel Neues über die dörfliche Wirtschaft und Sozialstruktur, ein Zugang, der bisher kaum beschritten wurde.

Amüsante Zeittafeln mit Geschichtssplittern über 700 Jahre, Kellergassenpoesie, ein Bericht einer Zeitzeugin über die Kriegshandlungen 1945, die Nutzung als Veranstaltungsort und die zunehmende Wertschätzung durch Weinviertel Tourist*innen sind Teil des Themenbogens. Dabei kommen viele Engagierte aus den Gemeinden zu Wort, entsprechend der Absicht der Herausgeber, die Kommunikation zwischen den Fachleuten und den Besitzer*innen und örtlichen Nutzer*innen intensiv zu unterstützen. Wein und seine Vermarktung, Heuriger, „Tafeln im Weinviertel“, Oldtimer-Traktorfahrten und Kellergassenführungen sind der zeitgemäße Umgang mit einem Erbe, das die wirtschaftliche Bedeutung für die Weinbaubetriebe verloren hat.

An der Bebilderung ist nicht gespart worden. Schöne Fotos mit hohem ästhetischem Anspruch, historisches Bildmaterial und attraktive Grafik machen die Hefte zu einem gefälligen Mix aus ernsthafter Forschung und touristischem Appetitanreger.

RE

Straße und Handel – Siedlung und Herrschaft.

6. April 2020

Wolfgang GALLER: Straße und Handel – Siedlung und Herrschaft. Der Grenzraum zwischen Niederösterreich, Mähren und der Slowakei von der Mitte des 2. Jh.n.Chr. bis zur Mitte des 11. Jh.n.Chr. am Beispiel der Handels- und Verkehrswege

Softcover, 280 Seiten, zahlreiche Abbildungen

Driesch Verlag o.J. (2019)

ISBN 978-3-902787-51-4   EURO 44.-

http://www.drieschverlag.org/

Auslieferung Buchhandlung Sterzinger, Wolkersdorf www.bookseller.at


Es ist schon ein großer Wurf, den Wolfgang Galler der Leserschaft bietet. Hervorgegangen ist das Buch aus seiner Dissertation am Institut für Österreichische Geschichtsforschung. Die Themenstellung ist nichts weniger als die Geschichte des östlichen Weinviertels und der angrenzenden Regionen aufzuarbeiten, über den unfassbaren Zeitraum von 900 Jahren. Es geht um das Wegenetz, das kreuz und quer das Gebiet durchzogen hat, und dessen Bedeutung für die Siedlungen und den Handel von der Römerzeit ab dem 2. Jahrhundert bis zum Beginn der Babenbergerzeit im 11. Jahrhundert. An wesentlichen geografischen Fixpunkten sind Donau und March die Vorgaben, an denen sich die Verkehrswege zu orientieren haben. Dazu gesellen sich Straßen im Nord-Südverlauf, wie die Bernsteinstraße entlang der March, die Nikolsburger Straße als Vorläuferin der Brünnerstraße und die Klippenzugstraße, die über Korneuburg Richtung Laa an der Thaya führt. Straßen im West-Ostverlauf waren etwa der Staatzer Weg über Gaubitsch und Großkrut Richtung March, die Ungarstraße über Korneuburg und Pillichsdorf Richtung March und der Nördliche Donauweg von Stockerau, Korneuburg an der Donau entlang Richtung Preßburg, um die wichtigsten zu nennen.

Soweit das Grundgerüst, auf dem sich die Akteure über den langen Zeitraum bewegten. Galler zeichnet die Geschichte durch die Jahrhunderte und Epochen mit einem interdisziplinären Zugang nach, an Hand von archäologischen Funden, schriftlichen Quellen, Ortsnamendeutung und genauer Kenntnis des Untersuchungsgebietes. Er macht sich die Mühe, Truppenbewegungen oder kaiserliche Reisetätigkeit anhand von physisch möglichen Tagesetappen und Lokalisierung durch schriftliche Quellen geografisch zu rekonstruieren. Dieses Verfahren gestattet dem Leser, der Leserin in seiner Genauigkeit eine manchmal tagesaktuelle Nachvollziehbarkeit. Damit macht die Darstellung auch der Nichtfachfrau, dem Nichtfachmann eine Zeit begreifbar, die in unserem historischen Verständnis gemeinhin weitgehend ausgeklammert ist. Nach den Römern folgen nach undurchschaubaren Wirren in der landläufigen Geschichtswahrnehmung die Babenberger, so zumindest das gängige Klischee. Gallers Verdienst ist es, die unbekannten 900 Jahre in das Bewusstsein einer breiten interessierten Leserschaft zurückzubringen. Wir treffen auf Langobarden, Awaren, Slawen, auf das Großmährische Reich, auf Franken, Baiern, Ungarn und die deutschen Kaiser. Mit der langfristigen Konsolidierung der Grenzverhältnisse durch die Babenberger endet die Untersuchung.

Galler hat mit der minutiösen Erforschung des Wegenetzes etwas Grundlegendes geschafft. Er hat einer Zeitspanne, in die sich bis heute viel Spekulatives und Sagenhaftes mischt, ein klar erkennbares Gesicht gegeben und der Region ein solides Fundament ihrer historischen Wurzeln. Diese bestehen aus einem komplexen Geflecht aus Wechselwirkung, Beeinflussung und Vermischung. Mit der Erstnennung Österreichs in der Ostarrichi-Urkunde von 976 wird die Geburtsstunde unserer Geschichte suggeriert. Die Mächtigkeit der Vorgeschichte ist aber bis heute wirksam und es ist notwendig, sie in unser Selbstverständnis zu integrieren, wie der Autor anschaulich vor Augen führt.

Die hervorragende Aufmachung des Buches ist einem privaten Sponsor, dem Verkehrsunternehmen Gschwindl, Wien 21, zu verdanken. Der Driesch Verlag hat für qualitätsvolle Umsetzung gesorgt.

RE


Mehr von Wolfgang Galler:

KELLER.KULTUR.ERBE (mit Günter Fuhrmann)

Die Liechtenstein

Die Geschichte der Ulrichskirchner Müllerzunft

Das alte Wolkersdorf im Weinviertel

Jüdisches Niederösterreich (mit Christof Habres)

Straßengeschichte(n) (mit Stefan Eminger)

Unser täglich Brot

Weinviertel Kochbuch (mit Manfred Buchinger)

Mit Beiträgen von Wolfgang Galler:

Hintaus bei den Stadeln

Lebensbilder Pillichsdorf

Hintaus bei den Stadeln

23. Februar 2020

Richard Edl (Hg.): Hintaus bei den Stadeln. Die unbekannte Seite des Weinviertels

120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Edition Winkler-Hermaden, 2019

ISBN 978-3-9504720-3-5   EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/


Das Weinviertel ist bekannt für seine Kellergassen und seine schmuckvollen Dorfstraßen, in denen sich Bauernhof um Bauernhof aneinanderreiht. Weniger zugänglich und daher weniger beachtet sind die Schätze des „Hintaus“, der Hinterseite der Dorfzeilen, allen voran die Stadeln. Diese unbekannte Seite des Weinviertels einem breiten Publikum zu präsentieren ist das Anliegen des von Richard Edl herausgegebenen Sammelbandes „Hintaus bei den Stadeln“. Die Beiträge reichen von handwerklichen über volkskundliche und botanische Ausführungen. Man erfährt von Konstruktions- und Nutzungsweisen diverser Bautypen (besonderes Augenmerk liegt auf dem für das Weinviertel charakteristischen Längsstadel, der fast nur in dieser Region zu finden ist) und wird in den sprachlichen Kosmos und in die Romantik der Hintausgassen eingeführt. Dazwischen finden sich beeindruckende Bildstrecken, die unmittelbare Eindrücke über die Vielfalt der Scheunenbauten liefern und LeserInnen ermutigen, sogleich selbst auf Erkundungstour zu gehen.

Der Band basiert auf dem im Rahmen der „Stadelakademie“ zusammengetragenen und vermittelten Wissen. Die Initiatoren Michael Staribacher, Johannes Rieder und Richard Edl bemühen sich seit 2013 mit dem Ausbildungslehrgang, Bewusstsein um die Bedeutung dieses Weinviertler Kulturguts zu schaffen und zu verbreiten. Denn diese oft nüchtern anmutenden Bauten sind wertvolle Relikte vorindustrieller ländlicher Lebensrealitäten, in denen sie wirtschaftliche und soziale Zentren darstellten. Es sind Erinnerungsorte, die gerade außerhalb musealer Zusammenhänge einer Erzählung bedürfen. Was die Erinnerungskultur betrifft, so sind Erfahrungsberichte von ZeitzeugInnen einzubeziehen, um eine plumpe Romantisierung früherer Lebensweisen zu vermeiden (wie der Historiker Wolfgang Galler in seinem Text richtig anmerkt). Dem wird im Sammelband insofern Rechnung getragen, als ein historischer Bericht über das „Tenntreten“ direkten Einblick in ehemalige Nutzungsweisen des Stadels gibt. Außerdem werden Zeitungsmeldungen abgedruckt, die düstere Seiten des bäuerlichen Alltags, Scheunenbrände und Selbstmorde, dokumentieren.

Das Buch richtet aber nicht nur vielseitige Blicke in die Vergangenheit. Auch wird der Frage nach zukünftigen Potentialen dieser ursprünglich landwirtschaftlich funktionalen Scheunenbauten nachgegangen. Wie lassen sich die Gebäude für heutige Bedürfnisse umfunktionieren und verwenden? Viele Vorzeigeprojekte zeitgenössischer Nutzung – vom Künstleratelier und Musikantenstadel bis zur Jausenstation – verdeutlichen die mannigfaltigen Potentiale.

Gerade das gegenwärtige Leben der WeinviertlerInnen mit ihren Stadeln könnte der Band aber noch ausführlicher behandeln. Was verbindet die BesitzerInnen mit den Gebäuden? Welches Wissen besteht noch, welche Geschichten können erzählt werden? Wie sieht das Innenleben, die Nutzung der Stadeln aus? Solche weiterführenden Fragen möchte „Hintaus bei den Stadeln“ wohl auch hervorlocken. Vor allem aber leistet es Pionierarbeit für einen in den letzten Jahrzehnten von Volkskunde und Geschichtswissenschaften vernachlässigten Bereich. Es gibt Anreize für historische Alltagsforschung, Bauforschung oder Sachkulturforschung. Es zeigt – für Laien ebenso wie für eingeweihte LeserInnen aufschlussreich – welch komplexe Konstruktionsleistungen und individuelle Ausgestaltungen sich in den Stadeln wiederfinden.

Dem Buch gelingt es, einen zu Unrecht lange Zeit ignorierten Gegenstand spannend und differenziert aufzubereiten. Und es stellt klar: Die Zukunft der Stadeln liegt ähnlich wie bei den Kellergassen in Neuinterpretationen, in alternativen Nutzungsweisen. Wie die Kellergassen sind auch die Stadelzeilen ein Alleinstellungsmerkmal der Region, Zeugen der Vergangenheit mit unikalem Charme und Charakter. Dieses Buch leistet einen wichtigen Beitrag, vielleicht eine Initialzündung für die Wiederentdeckung der Weinviertler Stadeln.

Thassilo Hazod


Wortspende zu „Hintaus bei den Stadeln“ von Verena Joos

Das Wort „Hintaus“ wird man vergeblich im Duden suchen. Es ist eine Spezialität des Weinviertels. Eine Richtungsangabe – und mehr. Es bezeichnet einen Ort. Der findet sich diametral entgegengesetzt dem Wohnhaus, dessen Fassade Teil des dörflichen Schönheitswettbewerbs ist. Hinter dem Wohnhaus liegt der Garten oder Hof, von da geht es zu den Stadeln, den Repräsentanten des „Hintaus“. Diesen vielerorts verfallenden Bauten widmet der von Richard Edl herausgegebene Band „Hintaus bei den Stadeln – Die unbekannte Seite des Weinviertels“ ein Prachtgebinde aus Liebeserklärungen in Wort und Bild. Zusammen mit acht weiteren Autoren erforscht er die Geheimnisse dieser verborgenen Welt. Da werden diverse Bauweisen der bäuerlichen Denkmäler erläutert, im Fokus der Aufmerksamkeit steht der Längsstadel, jene architektonische Spezialität, die fast nur im Weinviertel aufzufinden ist (Edl). Da wird die Kunst der Stadel-Zimmerer ins rechte Licht gestellt (Bettina Withalm). Die ursprüngliche Funktion der Stadeln im Dienst der Landwirtschaft erläutert Wolfgang Galler, Spekulationen über ihre Zukunft wagt Johannes Wieder. Der Hintaus-Flora und ihrer Küchentauglichkeit widmet sich Petra Regner-Haindl, ein Glossar im Wandel der Jahreszeiten hat Michael Staribacher erstellt, Thomas Hofmann präsentiert mit Hilfe alter Zeitungsausschnitte die Katastrophen, denen die luftigen Konstrukte ausgesetzt waren, Martin Neid hält ein flammendes Plädoyer für die Erhaltung dieses gefährdeten Paradieses. Samt und sonders Texte, in denen know how und Leidenschaft eine geglückte Synthese eingegangen sind. Schön zu lesen. Zusammen mit den hinreißenden Fotos von Wolfgang Krammer, ergänzt durch historische Aufnahmen, ist dieses Buch  eine Einladung, sich dieser vom Versinken bedrohten Kultur zu widmen, welche man nicht ausschlagen sollte. Es muss nicht immer – oder nicht nur – die Kellergasse sein!

Rezension von Helga Maria Wolf

Eine weitere Rezension des Buches von Helga Maria Wolf finden Sie auf der Website des Austria Forums der TU Graz.

Wolkersdorf 1938

24. Dezember 2019
Wolkersdorf 1938

Verein zur Dokumentation der Geschichte Wolkersdorfs: Wolkersdorf 1938. Erinnerungen an die jüdischen Einwohner/innen von Wolkersdorf

76 Seiten, zahlreiche Abbildungen

2., korrigierte, stark erweiterte Auflage

Eigenverlag, August 2019.

ISBN 978-3-200-06620-5   EURO 14,80

http://www.wolkersdorf1938.at


Das Projekt wurde bereits 2005 gestartet. Es konstituierte sich die Arbeitsgruppe „Wolkersdorf 1938“ mit dem Ziel, die Lebensgeschichten der in Vergessenheit geratenen jüdischen Familien des Ortes zu recherchieren. Interessierte Bewohner*innen übernahmen „Erinnerungspatenschaften“ und forschten in Archiven, führten Gespräche mit Zeitzeugen, besuchten Gedenkstätten und tauschten regelmäßig Informationen aus. 2007 wurde eine Ausstellung gezeigt, weitere Aktivitäten folgten. Im Gedenkjahr 2018 gab es eine neuerliche Präsentation der Ausstellung. Die bereits bestehende Broschüre liegt jetzt neu aufgelegt und stark erweitert wieder vor.

In akribischer Form recherchiert, werden die Geschichten von 14 Wolkersdorfer jüdischen Familien vorgestellt. Unmittelbar nach dem Anschluss im März 1938 setzt die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ein. Realitäten werden als „Schenkung“ an die Marktgemeinde Wolkersdorf abgepresst, die Familien müssen binnen kürzester Zeit den Ort verlassen. Die Schicksale waren unterschiedlich. Vernichtung in einem Konzentrationslager, Auswanderung oder Untertauchen in Wien waren die nicht frei gewählte Auswahl, die es für die Menschen gegeben hat.

Der Zeithistoriker Stefan Eminger gibt mit „Wolkersdorf und seine Juden“ einen fachlich fundierten Überblick, daran schließen in alphabethischer Reihenfolge die Recherchen über die 14 Familien an. Die trockene Präsentation der Fakten, ohne eine explizierte Wertung zu geben, sprechen für sich. Besser ist Zeitgeschichte nicht spürbar zu machen. Dazu kommt eine überraschend reiche Bebilderung, die viel zur Veranschaulichung beiträgt.

Große Anerkennung dem Team. Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Wolkersdorfs ist in die Stadt zurückgekehrt.

RE


Mehr zum Thema:

Ina Roberts: Ärzte in meinem Leben.

Das alte Wolkersdorf im Weinviertel.

Verschwundene Kinos

24. Dezember 2019

Karl und Martin ZELLHOFER: Verschwundene Kinos im Weinviertel

120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles

Edition Winkler-Hermaden, 2019

ISBN 978-3-9504720-4-2   EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/


Die größte Zeit der Kinos, wie ich jetzt gelernt habe, war das Jahr 1958: In Österreich gab es in diesem Jahr 122 Millionen Kinobesuche! Somit bin ich zu jung, das große Kinogehen miterlebt zu haben, allerdings Phänomene wie harte enge Holzsitze, Rauchen während der Vorstellung, Pause im Film wegen Reißen der Filmrollen, Sportgummi und Tutti Frutti am Kinobuffet sind mir aus den 1970er Jahren schon noch gut in Erinnerung. Und, ehrlich gesagt, ich hänge diesen ersten Kinoerinnerungen nicht besonders nostalgisch nach, denn es hat gestunken, war unbequem und ein bisschen unheimlich. Und nicht nur die Verliebten kamen sich in der Dunkelheit näher, auch so mancher unerwünschte Übergriff kam vor. Kein Wunder also, dass der Fernseher dem Kino Konkurrenz gemacht hat.

Jedenfalls zog das Vorführen von Filmen, der großen neuen Kunst- und Unterhaltungsform des 20. Jahrhunderts, die Menschen magnetisch an. Nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den Dörfern und ländlichen Kleinstädten entstanden Vorführmöglichkeiten: Erst Zelte für Wanderkinos um 1900, dann rasch fixe Kinos, entweder angeschlossen an Wirtshäuser oder als eigene Gebäude. Das Zielpublikum war eher jung, die Umgehung von Altersbeschränkungen und Empfehlungen des Pfarrers war von jeher Tradition.

Karl und Martin Zellhofer, schon erfahren im Aufspüren verschwindender Weinviertler Alltagsgeschichte, machten sich auf die Suche nach den zahlreichen fast vergessenen Weinviertler Kinos. Sie fotografierten deren übrig gebliebene Fassaden, fanden manche alte Fotos der Kinos aus besseren Tagen und erhielten auch immer wieder Einlass in die alten Kinosäle. Reste von Filmrollen, Kinokarten, Plakate, Schaukästen und Filmvorführgeräten tauchten auf.

Besonders wichtig sind die Interviews mit Zeitzeugen: Mit Erinnerungen von Filmvorführern, Kinobetreibern und Gästen lässt sich das Bild der vergangenen Zeit am besten dokumentieren! Es ergeben sich Geschichten vom ersehnten Blick in die weite Welt, denn „im Dorf war ja sonst nichts los“, von erbettelten Kinokarten, Gratiseintritten nach Mithelfen, Gendarmeriekontrollen der Altersbeschränkung oder sogar vom Mitspielen der Dorfbevölkerung als Komparsen in einem Sexfilm – wobei man gar nicht gewusst hätte, dass es ein Sexfilm werden sollte.

Die meisten noch erhaltenen Kinogebäude sind ruinös und werden in den nächsten Jahren verschwinden. Es ist gerade noch Zeit, die Erinnerung an dieses Stück dörflicher und kleinstädtischer Freizeitgeschichte durch gute Dokumentation zu bewahren.

Dazu ist dieses Buch ein gelungener Schritt!

HD


Weiteres von Karl und Martin Zellhofer:

Verschwundenes Marchfeld.

Verschwundenes Weinviertel.

Über den Weinviertler Semmering.

Der Michelberg

16. Dezember 2019
LAUERMANN.DerMichelberg30.11.2019

Ernst LAUERMANN: Der Michelberg. Eine archäologischer Hotspot im südlichen Weinviertel

Unter der wissenschaftlichen Mitarbeit von Elisabeth Rammer, Karin Kühtreiber, Paul Mitchell, Volker Lindinger, Anna Preinfalk (Archäologie), Margit Berner, Andrea Stadlmayr, Doris Pany-Kucera (Anthropologie), Herbert Böhm (Achäozoologie), Hubert Emmerig, Hanna Pietsch (Numismatik), Katharina Kaska (Historische Quellen)

132 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Hardcover

Edition Winkler-Hermaden, 2019

ISBN 978-3-9504625-6-2   EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/


Ernst Lauermann, gewesener Landesarchäologe von Niederösterreich, legt sein neues Buch vor. Es geht um den Michelberg, den „Berg seines Herzens“, wie er selbst im Vorwort gesteht. Da, verheißt der Untertitel, könnte es heiß werden: „Ein archäologischer Hotspot im südlichen Weinviertel“. Nach „Archäologie des Weinviertels“ über die Urgeschichte und „Die dunklen Jahrhunderte des Weinviertels“ über die Zeit von den Römern bis zu den Babenbergern geht es jetzt um eine Aufarbeitung der archäologischen Untersuchung des seit der Urgeschichte besiedelten Berges nahe Stockerau. Lauermann hat in vier Grabungskampagnen in den Sommermonaten 2010 bis 2013 den Berg gründlich untersucht.

Sein besonderes Interesse galt der Spurensuche nach der auf dem Michelberg befindlichen Wallfahrtskirche, die schon unter Kaiser Joseph II. abgerissen wurde. Eine Mär berichtet von einer Kirchengründung in der Zeit Karls des Großen, die, um eines der Ergebnisse vorwegzunehmen, nicht bestätigt werden konnte. Der berühmte mittelalterliche Historiker Thomas von Haselbach, der aus der Gegend stammte, erwähnt eine Kirche.

Lauermann liefert eine sehr spannende Zusammenschau von historischen Quellen, früheren archäologischen Erkungungen, die bereits eine Besiedlung seit der frühen Bronzezeit nachweisen konnten, und den aktuellen Grabungen. Daran schließt die umfangreiche Auswertung der Funde an, an der ein interdisziplinäres Team von kompetenten Mitarbeiterinnen beteiligt war.

Es konnte der Bestand einer Kirche vom 11. bis zum 18. Jahrhundert nachgewiesen werden. Der letzte Bau, eine Wallfahrtskirche, entstand um 1745 und wurde nach den Josephinischen Reformen bereits 1785 wieder abgebrochen. Bis zur Errichtung der bis heute bestehenden Kapelle im Jahre 1867 gab es keinen Sakralbau auf dem Berg.

Besonders bemerkenswert erschienen mir die zahlreichen Bestattungen von Föten und Neugeborenen, die Zeugnis ablegen für die hohe Kindersterblichkeit im Mittelalter und noch weit in die Frühneuzeit hinein. „Traufenkinder“ nannte man die ungetauften Neugeborenen, die nicht im Friedhof bestattet werden durften. In der Dachtraufe der Kirche eingegraben, wurden die Gräber zumindest mit dem Dachwasser des Sakralgebäudes besprengt.

Die archäozoologische Auswertung der Tierknochen zeigt die Weinviertler von damals als würdige Vorfahren der heutigen Schnitzeltradition. Hauptanteil des geborgenen Knochenmaterials waren Schweineknochen.

Die letzte Baumaßnahme auf dem Berg war eine Funkmessanlage aus dem Zweiten Weltkrieg, die auf Grund der vorgefundenen Fundamente und  historischem Fotomaterial rekonstruiert werden konnte.

Das Buch ist gut geschrieben, laientauglich und ein spannendes Pilotprojekt für die exemplarische Auswertung eines „heißen Platzes“. Die Bebilderung, wie immer bei Winkler-Hermaden, ist genauso vortrefflich wie unverzichtbar.

RE

Weinparadies westliches Weinviertel

9. Dezember 2019
Weinparadies westliches Weinviertel

Erich PELLO: Weinparadies westliches Weinviertel. Mit einem dramatischen Vorwort von Peter Turrini und einem tiefgründigen Nachwort von Thomas Hofmann

132 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Edition Winkler-Hermaden, 2019.

ISBN 978-3-9504720-6-6   EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/


Erich Pello, ein weinbewegter Erkunder seiner Wahlheimat Oberretzbach und des sich herum erstreckenden westlichen Weinviertels, entwirft mit seinen Recherchen ein vielfältiges Panorama der Region zwischen Manhartsberg und Ernstbrunner Wald, von der tschechischen Grenze bis an die Wagramgegend . Vom Wein und seiner Geschichte ist die Rede, vom Weinviertler Aushängeschild Grüner Veltliner und seinen genetischen Vorfahren, von unterschätzten Sorten wie Roter Veltliner und Blauer Portugieser.  In Interviews mit dem Wegbereiter der regionalen Weinqualität Gerhard Redl, mit Weinbauern aus Haugsdorf, Retz, Untermarkersdorf, Zellerndorf und anderen wohlklingenden Weinorten ist die Suche nach hoher Qualität, regionaler Eigenart und zeitgemäßer Stilistik klar und deutlich zu spüren.

Für die Retzer Gurke wird eine Lanze gebrochen und für die Haugsdorfer Sparkassa, eine der letzten lokalen Banken, die vom entsprechenden Sparkassenverein getragen wird. Das Pulkautal, das Schmidatal, die Hollabrunner Gegend, Eggenburg und der Manhartsberg werden auf kulturellen Gehalt abgeklopft. Die Fülle an Denkmälern ist unglaublich reichhaltig, so wie es der Wein der Gegend heute ist, dessen ausgezeichneten Ruf erst die Qualitätsoffensive nach dem Weinskandal gebracht hat.

Nicht ganz glücklich erscheint mir der an eine Werbeaktion des Tourismusverbandes gemahnende Titel. Bei „Weinparadies westliches Weinviertel“  denken wir unbedarfte LeserInnen an Gutscheine für eine Weinprobe oder ein besonders preiswertes Package für ein Romantikwochenende zu zweit.

Das Buch ist aber weit weg von einem billigen Marketingprodukt. Erich Pello ist nicht nur ein sachlicher Erkunder, er läßt uns auch die Leidenschaft spüren, mit der er sein Thema verfolgt. Damit gelingt ihm eine Begeisterung weiterzugeben, die große Lust auch in einem gestandenen (östlichen) Weinviertler weckt, das Pulkautal und das Retzer Land önologisch zu erkunden.

Die reichhaltige Bebilderung – eigene Fotos und historische Bilder – lässt uns wie bei einem Spaziergang eintauchen in die heutige und in die historische Weinwelt. Alfred Komarek ist selbstverständlich zu begegnen – Polt läßt grüßen – und Peter Turrini steuert ein entzückendes Dramolett als Einstimmung bei. Beschlossen wird es von einer geologischen Erkundung durch den „Chefgeologen“ des Weinviertels Thomas Hofmann.

Facit: Das Buch ist lesenswert und die Edition Winkler-Hermaden versteht es, Bücher zu machen!

RE

Meeresstrand und Mammutwiese.

13. August 2019

Thomas HOFMANN, Mathias HARZHAUSER & Reinhard ROETZEL: Meeresstrand und Mammutwiese. Geologie und Paläontologie des Weinviertels

138 Seiten mit zahlreichen Abbildungen

Edition Winkler-Hermaden, 2019.

ISBN 978-3-9504625-5-5  EURO 21,90

http://www.edition-wh.at/

Drei fachlich versierte Autoren versuchen die Geologie und Paläontologie des Weinviertels einem interessierten Laienpublikum näher zu bringen: Thomas Hofmann, thematisch und publizistisch erfahrener Mitarbeiter der Geologischen Bundesanstalt, Mathias Harzhauser, Paläontologe und Abteilungsdirektor der geologisch-paläontologischen Abteilung am Naturhistorischen Museum, und Reinhard Roetzel, Leiter der Fachabteilung Sedimentgeologie an der Geologischen Bundesanstalt.

In den ersten beiden Kapiteln geben sie einen Überblick über die geologische Hofmann.MeeresstrandMammutwiese07.07.2019Großlandschaft Weinviertel und deren Entwicklung. Die „Zeitreise quer durch 600 Millionen Jahre“ erklärt die Entstehung von Granit, dem ältesten Gestein, bis hin zum Löss, der landschaftsprägenden oberflächlichsten und jüngsten Formation. Die folgenden Kapitel widmen sich mehr oder weniger bekannten geologischen und paläontologischen Fundstellen wie dem Maissauer Amethyst, den berühmten Eggenburger Funden des Pioniers Krahuletz an den Ufern des Urmeeres Parathetys,  dem Muschelberg von Nexing, der Austernbank vom Teiritzberg oder den Erdöllagerstätten des östlichen Weinviertels. Letztere bieten durch ihre intensive Beforschung mit Tiefbohrungen den Geologen besonders viel Informationsmaterial.

Der bunte cartoonähnliche Buchdeckel, die reiche Bebilderung und die flotten  Kapitelüberschriften täuschen: Es handelt sich keineswegs um eine leichte, mit einem Sommerkrimi vergleichbare Lektüre. Die Abfolge der Erdzeitalter, die komplexen Entwicklungen der Höhe des Meersespiegels oder auch  geologische Grundbegriffe, die Fachleuten selbstverständlich sind, muss sich die Leserin/der Leser erst erarbeiten! Oder wer hat sofort die Bedeutung für Begriffe wie Molassezone und geologische Störung oder die zeitliche Einordnung von Pleistozän und Eozän parat? Nicht alles ist dann auch dem Text zu entnehmen. Zum Beispiel war es mir nicht einleuchtend, warum die schöne geologische Zeittafel der letzten 23 Millionen Jahre im Weinviertel zwei unterschiedliche Spalten mit anderen Namen für ähnliche Zeiträume zeigt. Erst Professor Google hat mir erklärt, dass die zeitliche Standardgliederung in unterschiedlichen Teilen der Welt je nach paläontologisch bedeutsamen Großräumen bzw. Fundorten auch andere Namen hat, also das Eggenburgium eben nur im Raum Paratethys so heißt, international eine Unterteilung des frühen Miozäns mit Anteilen des Aquitaniums und Burdigaliums ist und in Norddeutschland wiederum völlig anders bezeichnet wird. Trotzdem ist diese Übersichtstafel zur Orientierung sehr schön, die wichtigsten Fossilienfunde des Weinviertels sind chronologisch übersichtlich abgebildet.

Aber das ist Jammern auf höherem Niveau. Allen Interessenten der Weinviertelkunde bietet dieses Buch einen weiteren Puzzlestein für ihre Leidenschaft – und wenn man sich beim Lesen etwas intensiver in die Thematik vertiefen muss, wird das Vergnügen noch erhöht!

HD